Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die beiden Bäume (2)

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Als Adam vor zwei Bäumen stand, lag in seiner Entscheidung mehr als ein Gartenkonflikt: es ging um zwei grundverschiedene Quellen, zwei Lebensprinzipien. Die Schrift führt diese Linie durch Geschichten und Zeiten hindurch und macht deutlich, dass die Wahl zwischen Abhängigkeit und unabhängiger Selbstgenügsamkeit nicht nur historisch ist, sondern sich heute innerlich in jedem von uns abspielt. Welche Spur ziehen diese beiden Linien durch die Bibel, und wie wirken sie in meinem geistlichen Leben?

Zwei Prinzipien: Abhängigkeit versus Unabhängigkeit

Vor dem Hintergrund des Gartens stehen zwei Prinzipien einander gegenüber, die das Leben des Glaubens in ganz unterschiedlicher Weise prägen: Abhängigkeit und Unabhängigkeit. Die Schrift mahnt, daß der lebendige Empfang des Geistes Leben bringt; so heißt es in 2. Korinther 3:6: „der uns auch tauglich gemacht hat zu Dienern eines neuen Bundes, nicht zu Dienern des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, der Geist aber gibt Leben.“ Dieses Wort führt uns hinein in die Beobachtung, daß nicht jede religiöse Tätigkeit gleich dem Leben dient — was Leben schenkt, ist der fortwährende Empfang des Geistes, nicht die bloße Erfüllung äußerer Regeln.

Das Prinzip, das der Baum des Lebens ausdrückt, ist Abhängigkeit; das Prinzip, das der Baum der Erkenntnis ausdrückt, ist Unabhängigkeit. Alles, was wir in Abhängigkeit vom Herrn tun, gehört zu dem Prinzip, das der Baum des Lebens verkörpert. Alles, was wir unabhängig vom Herrn tun, gehört zu dem Prinzip, das der Baum der Erkenntnis verkörpert. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierzehn, S. 171)

Wenn Abhängigkeit das Merkmal des Baumes des Lebens ist, dann ist Unabhängigkeit die leise Kraft des Baumes der Erkenntnis, die den Fluss der Offenbarung abschnürt. Praktisch zeigt sich dies darin, daß eine dünne Mauer innerer Selbstgenügsamkeit genügt, um das Herz von der Quelle abzuschneiden; Rituale mögen verbleiben, doch das Leben versiegt. Die Konsequenz liegt nicht primär in moralischer Leistung, sondern in der Frage nach der Quelle: Lebt das Herz aus dem Empfang des Herrn oder aus der eigenen Kraft?

der uns auch tauglich gemacht hat zu Dienern eines neuen Bundes, nicht zu Dienern des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, der Geist aber gibt Leben. (2. Korinther 3:6)

Möge die Erkenntnis von Abhängigkeit und Unabhängigkeit unsere innere Orientierung schärfen: nicht als belastende Vorschrift, sondern als Einladung, das Leben fortwährend aus dem Geist zu empfangen. In dieser Haltung verwandelt sich Religion in lebendige Gemeinschaft mit dem Herrn, die stärkt, tröstet und reifen läßt.

Zwei Linien durch die Schrift: Ernte und Ende

Wenn wir die Heilige Schrift als Ganzes betrachten, treten zwei Leitlinien hervor, die sich durch Personen und Epochen ziehen: eine Linie des Lebens und eine Linie der Erkenntnis. Die Schrift führt uns von den Anfängen in 1. Mose über Gottes redendes Wirken in der Geschichte bis zu zwei gegensätzlichen Endbildern — dem Strom des lebendigen Wassers und dem Gericht über das, was getrennt geblieben ist. So heißt es in der Offenbarung 22:1: „Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße.“ Dieses Bild versammelt alles, was Leben empfangen hat, in einer fortwährenden und reichlichen Quelle.

Die erste bezeichne ich als Linie des Wissens, die zweite als Linie des Lebens. Wenn wir diesen beiden Linien folgen, führen sie uns durch die gesamte Schrift. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierzehn, S. 172)

Gegenläufig dazu steht das biblische Bild des Gerichts über das, was aus eigener Kraft besteht und vom Ursprung abgeschnitten ist; die Offenbarung benennt ein endgültiges Schicksal für das, was sich von Gott entfernt hat. In Offenbarung 21:8 heißt es: „Aber den Feigen und Ungläubigen und mit Greueln Befleckten und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern ist ihr Teil in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt, das ist der zweite Tod.“ So werden Ende und Ziel sichtbar: nicht jede menschliche Ordnung trägt Gott in sich — entscheidend ist die innere Quelle des Lebens. Die Spur dieser beiden Linien lehrt, daß äußere Frömmigkeit und innerliches Leben auseinanderfallen können; die Frage bleibt stets, aus welcher Tiefe das Tun gespeist wird.

Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße. (Offenbarung 22:1)

Aber den Feigen und Ungläubigen und mit Greueln Befleckten und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern ist ihr Teil in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt, das ist der zweite Tod. (Offenbarung 21:8)

Die Linie des Lebens lädt dazu ein, die Hoffnung auf die letztendliche Vollendung zu halten, in der der Strom des Lebens frei fließt; die Gegenlinie mahnt zur Vorsicht gegen jede Form, die äußerlich recht, innerlich aber leer bleibt. Möge diese Perspektive die Wahrnehmung schärfen und die Sehnsucht wecken, nicht nur Formen zu haben, sondern aus der Quelle Leben zu trinken.

Das innere Dreieck: Gott, der Mensch, und der Böse

Das uranfängliche Geschehen im Garten wird innerlich erfahrbar, weil das biblische Dreieck — Gott, Mensch, Satan — nicht an einen Ort gebunden bleibt, sondern in jedem Menschen lebendig werden kann. In uns wohnt der Herr im Geist, während die fleischliche Natur dem Wirken des Widerers Raum geben kann; die Seele steht als Arena dieses ringenden Verhältnisses. Jesus führt die Aufmerksamkeit weg von einfachen Zuschreibungen von Schuld hin auf das schöpferische Ziel: „Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbart würden.“ (Johannes 9:3). Dieses Wort erinnert daran, daß menschliches Leiden, Irrtum oder Verlorenheit nicht immer allein als persönliches Versagen erklärt werden sollte, sondern oft Schauplatz größerer geistlicher Dynamiken ist.

Als Adam vor den beiden Bäumen stand, befand er sich zugleich in der Gegenwart Gottes und Satans. So entstand im Universum ein dreiseitiges Verhältnis zwischen dem Menschen, Gott und Satan. Der Kampf zwischen Gott und Satan wurde am Menschen ausgetragen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft vierzehn, S. 176)

Für das tägliche Leben bedeutet dies, daß Wachstum weniger eine Technik als eine innere Gewohnheit ist: das Herz offen halten, damit Christus im Geist wirken kann, und die feine Unterscheidung lernen, wo Selbstgenügsamkeit die Herrschaft gewinnt. Aus der inneren Mitte heraus offenbart sich, ob Denken und Handeln dem Leben dienen oder es abschneiden. So wird die Pflege des Geistes zur Grundaufgabe, nicht im Sinne eines Aktionsplans, sondern als stille Übung des Empfangens und der Ausrichtung auf den lebendigen Herrn.

Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbart würden. (Johannes 9:3)

Die Vorstellung des Gartens in uns ist zugleich Herausforderung und Trost: Herausforderung, weil der Widerstand real ist; Trost, weil Christus in unserem Geist gegenwärtig ist und Leben schenkt. Möge diese Gewißheit sanft anspornen, im Geist zu verweilen und in der Stille die Quelle wiederzufinden, aus der alle wahre Frucht hervorgeht.


Herr Jesus, bewahre uns vor jeder Selbstgenügsamkeit; lehre uns, beständig von Dir zu empfangen, damit unser Inneres zu einem Garten des Lebens wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 14