Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

Die Wiedererlangung des Herrn: Linie, Zeugnis und Fortgang

11 Min. Lesezeit

Einleitung: Was meint „Wiedererlangung des Herrn“?

Wenn von „Wiedererlangung des Herrn“ gesprochen wird, geht es nicht zuerst um eine neue Bewegung, sondern um das stille, manchmal auch machtvolle Handeln des Herrn, durch das Er in der Geschichte vergessene oder verdunkelte Aspekte Seiner Wahrheit, Seines Lebens und Seines Zeugnisses in der Gemeinde wieder ans Licht bringt.

Seit den 1920er‑Jahren, mit dem Aufkommen des Dienstes von Watchman Nee und später Witness Lee, wird in gewissen Kreisen von einer „gegenwärtigen“ Wiedererlangung gesprochen. Doch diese steht nicht isoliert da. Sie lässt sich in eine längere Linie von Männern und Frauen einordnen, durch die der Herr Seine Gemeinde immer wieder zurechtgebracht hat. Die Frage ist: Wie verläuft diese Linie? Welches Zeugnis stellten solche Menschen für den Herrn dar? Und wie geht diese Wiedererlangung heute weiter?

Eine Linie der Wiedererlangung: vom Hussiten-Erbe bis Herrnhut

Ein markanter Strang in dieser Linie führt zu den sogenannten Brüdern aus Böhmen und Mähren. Sie gehen auf die Nachwirkung des Wirkens von Johannes Hus zurück, der 1415 verbrannt wurde. Aus den Hussiten wurden mit der Zeit die „Taboriten“, später die „Böhmischen Brüder“ und schließlich die „Mährischen Brüder“ oder „Moravier“. Sie hatten ihre Wurzeln in einem kleinen, treuen Überrest, der dem Druck der römischen Kirche nach damaligem Verständnis nicht nachgab.

Die Geschichte dieser Moravier ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der Herr nach dem Zeugnis der Quellen über Jahrhunderte eine Spur bewahrt. Nach schweren Verfolgungen, besonders nach der Schlacht am Weißen Berg (1620), wurden viele von ihnen zerstreut. Doch das geistliche Erbe erlosch nicht völlig. 1722 fanden Angehörige dieses Erbes schließlich Zuflucht auf dem Gut eines jungen sächsischen Grafen: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf.

Herrnhut: Gebet, Einheit und weltweite Sendung

Zinzendorf war von frühester Jugend an von einer persönlichen Liebe zu Christus geprägt. Ein Wahlspruch aus seiner Jugend – „Keiner von uns lebt sich selbst“ – zeigt den Grundton seines Lebens. In Halle war er vom Pietismus beeinflusst worden: persönliche Bekehrung, ernstes Bibelstudium und gelebte Frömmigkeit. In dieser Atmosphäre wurde er für eine größere Aufgabe vorbereitet.

Als vertriebene Glaubensgeschwister aus Mähren bei ihm um Hilfe baten, öffnete Zinzendorf sein Erbe. Bei Berthelsdorf entstand die Siedlung, die den programmatischen Namen „Herrnhut“ erhielt – „des Herrn Hut“ oder „Wache des Herrn“. Unter den ersten etwa 300 Flüchtlingen fanden sich ganz unterschiedliche Hintergründe: Lutheraner, Reformierte, Calvinisten, Schwenkfeldianer, Pietisten und andere. Die Vielfalt brachte auch Spannungen. Unterschiedliche Lehrmeinungen führten zu erbitterten Streitigkeiten.

In dieser Situation ging Zinzendorf von Haus zu Haus, betete und sprach mit den Bewohnern. Am 12. Mai 1727 legte er mit ihnen einen Bund vor Gott ab: Sie wollten ganz dem Heiland gehören, die Streitigkeiten begraben, Selbstliebe und Eigenwillen ablegen und sich neu vom Heiligen Geist belehren lassen. Am 13. August 1727, bei einem gemeinsamen Mahl des Herrn, erlebte die Gemeinde in Herrnhut nach den überlieferten Berichten eine tiefe Ausgießung des Heiligen Geistes. Aus einer zerrissenen Siedlung wurde eine geistlich geeinte Gemeinschaft.

Kurz darauf, am 27. August, begann ein Gebetswerk, das zum Symbol ihres Zeugnisses wurde: 24 Brüder und 24 Schwestern übernahmen jeweils eine Stunde, sodass Tag und Nacht ununterbrochen Fürbitte aufstieg – und diese „stündliche Fürbitte“ wurde nach der Überlieferung hundert Jahre lang ohne Unterbrechung fortgeführt. Herrnhut war damit im wörtlichen Sinn eine „Wache des Herrn“.

Das Leben der Gemeinde war durchdrungen von einem Rhythmus des Wortes und der Anbetung. Die ganze Gemeinschaft war in „Bänder“ gegliedert – kleine Gruppen nach Alter, Geschlecht und Familienstand – für Gebet, Gemeinschaft, gegenseitige Hilfe und auch für praktische Dinge des Zusammenlebens. Dreimal am Tag versammelte man sich, um in der Bibel zu lesen und zu singen: im Sommer um 4 Uhr morgens, um 8 Uhr und um 20 Uhr (im Winter um 5 Uhr, 8 Uhr und 20 Uhr). Das Mahl des Herrn hatte einen festen Platz, ebenso die wiederbelebte „Liebesmahl“-Praxis: gemeinsames Essen als Ausdruck brüderlicher Liebe.

Hier zeichnet sich eine charakteristische Linie der Wiedererlangung ab: Die Gemeinde ist nicht nur eine Sonntagseinrichtung, sondern ein tägliches, gemeinschaftliches Leben im Wort, im Gebet und in der praktischen Liebe.

Zinzendorf als Zeuge: Christuszentrum, Einheit und Hingabe

Zinzendorf verzichtete 1731 auf seine öffentlichen Ämter, um sich ganz dem geistlichen Dienst zu widmen. Das zeigt, wie ernst er seinen Ruf verstand. Seine Ehefrau, Erdmuth Dorothea, trug diese Hingabe mit – oft von früh morgens bis spät nachts im Dienst an Brüdern und Schwestern. Ihr gemeinsames Leben war durch eine ungewöhnliche Weihe geprägt.

Christus stand für Zinzendorf im Mittelpunkt. Aus seiner Feder stammen mehr als 2000 Lieder; eines davon wurde durch John Wesley ins Englische übertragen und ist bis heute bekannt:

Jesus, dein Blut und deine Gerechtigkeit

Dieser Liedtitel fasst Zinzendorfs Glauben zusammen: Der Zugang zu Gott ruht nicht auf menschlicher Leistung, sondern auf dem vollbrachten Werk Christi. In Herrnhut war Christus die gemeinsame Mitte, in Ihm wurden konfessionelle Grenzen relativiert.

Auch in seiner letzten Lebensphase blieb dieses Zeugnis klar. Auf seinem Sterbebett sagte er nach dem Bericht eines Zeitzeugen:

Ich gehe zum Heiland. Wenn Er mich hier unten nicht länger gebrauchen will, bin ich ganz bereit, zu Ihm zu gehen, denn nichts anderes hält mich hier.

Hier spricht eine Lebenshaltung, in der Dienst und Person untrennbar verbunden sind: Er gehört dem Herrn, ob im Dienst auf der Erde oder in der Ruhe bei Ihm.

Zinzendorf sah mit Freude, dass mitten in der Verwirrung des 18. Jahrhunderts die Bitte des Herrn um die Einheit der Seinen („dass sie alle eins seien“) in Herrnhut in einer schlichten, praktischen Weise verwirklicht wurde: eine Brüdergemeinde, die sich nicht durch Konfessionsnamen, sondern durch Christus bestimmen ließ.

Die Moravier als weltweites Zeugnis

Die Moravier waren nicht nur eine betende Gemeinschaft, sondern auch Pioniere der Weltmission. Bereits 1732 verließen die ersten Missionare Herrnhut, um in die Karibik zur Insel St. Thomas zu gehen und den versklavten Menschen das Evangelium zu bringen. Weitere Brüder und Schwestern folgten nach Grönland, Surinam, Südafrika, später nach Nordamerika, Asien, Australien und an viele andere Orte.

Auffällig ist der Anteil derer, die gegangen sind: Ein sehr hoher Prozentsatz der Herrnhuter ließ Heimat und Sicherheit zurück, um das Evangelium zu tragen. In dieser Bereitschaft, nicht nur zu „senden“, sondern selbst zu „gehen“, liegt ein prophetischer Zug, der bis in unsere Zeit hineinweist. Die Moravier erkannten: Die Gemeinde ist von ihrem Wesen her eine gesandte Gemeinschaft.

John Wesley, der spätere Begründer der methodistischen Bewegung, begegnete den Moraviern mehrfach – zuerst auf der Überfahrt nach Amerika 1735/36. Während eines heftigen Sturms gerieten die englischen Passagiere in Panik, während die Moravier ruhig sangen. Selbst ihre Kinder fürchteten den Tod nicht. Später fragte Wesley einen der Brüder, ob er keine Angst gehabt hätte. Die Antwort war schlicht: Er danke Gott, nein; auch Frauen und Kinder fürchteten den Tod nicht.

Diese Haltung erschütterte Wesley, der selbst damals noch keine Heilsgewissheit hatte. Später, in einem Gespräch mit dem Moravier Spangenberg, wurde er direkt gefragt, ob der Geist Gottes ihm bezeuge, dass er ein Kind Gottes sei, und ob er wisse, dass Jesus ihn persönlich gerettet habe. Wesley konnte nicht klar antworten. Solche Begegnungen bereiteten jene innere Krise vor, die am 24. Mai 1738 in London in seiner bekannten „Herzenswärme“ mündete – seiner bewussten Gewissheit des Heils.

Wesley besuchte später Herrnhut persönlich und war von der gelebten Gemeinschaft tief beeindruckt. Er beobachtete die Liebe der Brüder und Schwestern untereinander und ihre Bereitschaft, alle, die den Herrn aufrichtig liebten, aufzunehmen. Sein späteres System von „Gesellschaften“, Klassen und Bändern – kleine Gruppen für gegenseitige Ermutigung und Zucht – trägt deutliche Spuren der Herrnhuter Erfahrung. Auch die starke Betonung von Liedern und geistlichem Gesang in der methodistischen Bewegung ist ohne den Einfluss der Moravier kaum zu denken.

So wird die Linie der Wiedererlangung sichtbar: Von Herrnhut geht ein Strom aus, der Wesley, die Methodisten und darüber hinaus viele evangelikale und gemeinschaftliche Bewegungen geprägt hat – hin zu einem lebendigeren, praktischen Gemeindeleben.

Die Linie bis in die gegenwärtige Wiedererlangung

In der Chronologie der jüngeren Kirchengeschichte wird die „gegenwärtige Wiedererlangung des Herrn“ häufig mit den 1920er‑Jahren und dem Dienst von Watchman Nee in China in Verbindung gebracht. Ein junger Chinese griff damals – ähnlich wie Wesley und Zinzendorf vor ihm – zur Bibel mit der Frage: Was sagt das Wort über Christus, über die Gemeinde, über praktisches Gemeindeleben?

Witness Lee, dessen Lebensweg ab 1905 dokumentiert ist, wurde 1925 durch die Predigt einer einfachen Schwester zum Glauben geführt und weihte sich noch am selben Tag dem Herrn für Seinen Dienst. Sein weiterer Weg führte ihn in Kontakt mit den „Brüdern“ (Brethren), die ihm halfen, die Bibel systematisch zu studieren. Bald allerdings verspürte er eine innere Unzufriedenheit damit, lediglich Lehren aufzunehmen, ohne in ein volleres Gemeindeleben hineinzukommen. Er suchte den Herrn im Gebet, teilweise unter Tränen, bis eine Wende eintrat.

1932 begegnete er Watchman Nee persönlich. In dessen Dienst fand er eine Linie wieder, die von Herrnhut, den Moravianern, den Methodisten und manchen anderen Überwindern her vertraut war: eine Rückkehr zum einfachen, neutestamentlichen Gemeindeleben mit Christus als Mitte; Versammlungen, in denen jeder Gläubige als Glied am Leib Christi Anteil hat; sowie eine starke Betonung des inneren Lebens statt bloßer äußerer Formen.

Witness Lee wurde von Nee nicht nur in biblischer Wahrheit, sondern auch in der Geschichte der Gemeinde und in der „Geschichte der Wiedererlangung“ unterwiesen. Hier wurde bewusst angeschlossen an jene Spuren, auf denen der Herr in den Jahrhunderten zuvor gegangen war: an die waldensische Einfachheit, an den Glaubensmut der Reformatoren, an die Wärme des Pietismus, an die missionarische Hingabe der Moravier, an die Heiligungs‑ und Gemeinschaftsbetonung der Methodisten.

Eine besondere Parallele zu Herrnhut findet sich im Gebetsleben und in der Schulung von Gläubigen: Wie Zinzendorf in Herrnhut Bänder und regelmäßige Zusammenkünfte zur gegenseitigen Erbauung einrichtete, so entstanden im 20. Jahrhundert Trainings, Konferenzen und ein intensives gemeinsames Leben, um Gläubige für das Werk und das Gemeindeleben auszurüsten.

Ein weiterer Berührungspunkt ist die tägliche Speisung aus dem Wort. Die Moravier veröffentlichten ab 1731 ihre „Losungen“ – kurze Tagesworte aus der Schrift, die das persönliche und gemeinsame Glaubensleben nähren sollten. In der gegenwärtigen Wiedererlangung wurde in den 1980er‑Jahren eine weiterentwickelte Form eingeführt: ein fortlaufendes, thematisch geordnetes Material zur täglichen Erneuerung am Wort („Holy Word for Morning Revival“). Inhalt und Form sind verschieden, doch die Linie ist dieselbe: Die Gemeinde lebt von der täglichen Nahrung aus dem Wort, nicht nur von gelegentlichen Predigten.

Zeugnis und Fortgang heute

Wenn wir von „Linie, Zeugnis und Fortgang“ der Wiedererlangung des Herrn sprechen, lassen sich mindestens drei durchgehende Merkmale erkennen:

  1. Christus im Zentrum
    In all diesen Phasen geht es nicht um eine Lehre oder eine Organisation, sondern um eine Person. Ob Hus, Zinzendorf, Wesley oder später Nee und Lee – ihr gemeinsamer Nenner ist, dass sie Christus als den lebendigen Mittelpunkt ihres Lebens und Dienstes sahen. Lieder wie „Jesus, dein Blut und deine Gerechtigkeit“ oder Wesleys Bekenntnis, allein auf Christus zu vertrauen, tragen denselben Klang: Der Herr Selbst ist unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung und unsere Kraft.

  2. Gemeinde als gelebte Realität
    Die Wiedererlangung hat stets die neutestamentliche Gemeinde im Blick: nicht nur als Lehre, sondern als gelebte Wirklichkeit. Herrnhut mit seinem durchbeteten, durchsingenden Alltagsleben, die methodistischen Gesellschaften mit ihren Klassen und Bändern, die späteren örtlichen Gemeinden mit gemeinsamer Verantwortung – sie alle stellen verschiedene, ihrer Zeit entsprechende Versuche dar, die Gemeinde wieder als Leib Christi sichtbar werden zu lassen.

  3. Sendung in die Welt
    Die Moravier, von denen ein sehr großer Anteil in den Missionsdienst ging, die weltweite Ausbreitung der Methodisten, die Verbreitung der gegenwärtigen Wiedererlangung über Kontinente hinweg – all das macht deutlich: Wo der Herr Seine Gemeinde wieder belebt, entsteht unweigerlich ein Drang, das Evangelium zu tragen und Gläubige zuzurüsten. Eine echte Wiedererlangung bleibt nie bei sich selbst stehen.

Der Fortgang der gegenwärtigen Wiedererlangung hängt daher nicht in erster Linie an äußeren Strukturen, sondern daran, dass diese drei Merkmale lebendig bleiben: Christus als Mitte, ein praktisches, gemeinschaftliches Gemeindeleben und ein Herz für das Zeugnis bis an die Enden der Erde.

Ausblick: In der Spur der Überwinder gehen

Die Geschichte von Herrnhut, von John Wesley und von der heutigen Wiedererlangung zeigt: Der Herr verliert Seine Linie nicht. In jeder Zeit findet Er Menschen, die sich Ihm weihen, sich von Ihm korrigieren lassen und bereit sind, mit Ihm zu gehen – in Einheit, in Gebet, in Hingabe und in einem praktischen Gemeindeleben.

Diese Linie ist kein Prestigeprojekt weniger „Großer“, sondern eine Einladung an alle Gläubigen: sich vom Herrn persönlich anrühren zu lassen, alte, menschliche Schranken beiseitezulegen, täglich im Wort und Gebet gestärkt zu werden und ihren Platz im Leib Christi einzunehmen. So setzt der Herr Sein stilles Werk der Wiedererlangung fort – bis der Leib Christi „zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes“ gelangt und die Gemeinde als Braut bereit ist, wenn Er wiederkommt.

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp