Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

1949: Der Übergang nach Taiwan

10 Min. Lesezeit

Ein Wendepunkt im Sturm der Geschichte

Im Jahr 1949 stand China am Rand eines tiefgreifenden Umbruchs. Politische Fronten verschoben sich, alte Strukturen brachen zusammen, ein neues Regime formte sich mit Machtansprüchen, die auch das geistliche Leben der Gläubigen berühren würden. In diese stürmische Situation hinein fällt ein entscheidender Schritt in der Geschichte der gegenwärtigen Wiedererlangung des Herrn: der Übergang des Werkes von Festlandchina nach Taiwan.

Was äußerlich wie die Flucht eines Dieners Gottes vor einer unsicheren Zukunft aussehen konnte, wird in den vorhandenen Quellen als sorgfältig geführte, souveräne Bewegung des Herrn verstanden: Er bewahrte Sein Werk, öffnete neue Türen und bereitete den Boden für eine weitere Ausbreitung.

Die Vorgeschichte: Ein vorbereitetes Gefäß

Um die Tragweite des Übergangs nach Taiwan zu verstehen, muss man kurz zurückblicken auf den Weg von Witness Lee. Er wurde 1905 in Chefoo in der Provinz Shantung geboren. 1925 wurde er durch die Predigt einer Schwester, Peace Wang, errettet und weihte sich noch am selben Tag dem Dienst für den Herrn. Schon früh lernte er die Bibel zu lieben; sie wurde zur Lebensquelle, aus der er täglich schöpfte.

Über Zeitschriften und Briefe wurde er von Watchman Nee geistlich geprägt. Die örtliche Brethren-Versammlung half ihm zwar im Verständnis der Bibel, doch blieb sein inneres Empfinden: viel biblische Erkenntnis – wenig geistliche Wirklichkeit. 1931 führte ihn dies zu einer tiefen Bußerfahrung; monatelang suchte er den Herrn frühmorgens auf einem Berg nahe Chefoo. Dieses gebrochene, suchende Herz war die Vorbereitung für den besonderen Weg, den der Herr mit ihm gehen wollte.

1932 lernte er Watchman Nee persönlich kennen; kurz darauf wurde in Chefoo durch seinen Dienst eine Gemeinde aufgerichtet. 1933 gab er seine weltliche Arbeit auf und ging nach Shanghai, um mit Watchman Nee zusammenzuarbeiten. Dort wurde er in Leben und Wahrheit sowie in der Geschichte der Gemeinde und der gegenwärtigen Wiedererlangung gründlich zugerüstet.

In den 1940er-Jahren arbeitete er in den Gemeinden Chefoo, Tsingtao, Nanking und Shanghai. Durch die praktische Umsetzung dessen, was Watchman Nee als „Entwurf des göttlichen Planes“ hinsichtlich der praktischen Gemeindepraxis gesehen hatte, kam es zu einem tiefen geistlichen Aufbruch. Hundert Tage nahezu ununterbrochener Zusammenkünfte in Chefoo, weitreichende Hingabe der Gläubigen, Migration um des Evangeliums willen – all dies zeigte: Der Herr formte nicht nur einen einzelnen Diener, sondern ein ganzes Gefüge von Gemeinden und Mitarbeitern.

Als Witness Lee sich wegen Tuberkulose zurückziehen musste, schenkte der Herr ihm nach seinem eigenen Zeugnis Licht über das Prinzip des Baumes des Lebens. Seine Botschaften darüber lösten 1946 und 1947 neue Belebung unter den Gemeinden aus. 1948 war er maßgeblich daran beteiligt, dass das öffentliche Dienstwerk von Watchman Nee wieder aufgenommen wurde und ein weiterer Aufschwung in Shanghai entstand. So war er, als der politische Druck wuchs, längst kein „zweitrangiger Helfer“, sondern ein tragender Träger des Werkes.

Die Entscheidung unter politischem Druck

Die politische Lage änderte sich rapide. Das Vordringen der kommunistischen Kräfte ließ erwarten, dass das freie Wirken der Gemeinde und des Wortes Gottes stark eingeschränkt werden würde. In dieser Lage geschah, was für die Geschichte der Wiedererlangung von besonderem Gewicht ist: Watchman Nee handelte nicht nur pastoral, sondern auch vorausschauend im Blick auf das weitere Werk.

Im November 1948 kam es in Shanghai zu einer dringlichen Konferenz der Mitarbeiter. Dort bat Watchman Nee Witness Lee, das Land zu verlassen – ausdrücklich „um des Werkes des Herrn“ willen. Man sah die Gefahr, dass das, was der Herr in China wiedererlangt hatte, in einem geschlossenen Land leicht geschwächt oder sogar weitgehend zum Schweigen gebracht werden könnte, wenn alle tragenden Brüder blieben und gemeinsam getroffen würden.

Im Februar 1949 wurde dieser Auftrag in einer weiteren Mitarbeiterkonferenz bestätigt. Watchman Nee drängte darauf, dass Witness Lee China verlassen solle, damit der Feind „uns nicht auslöschen“ könne. Es ging nicht primär um persönliche Sicherheit, sondern um die Bewahrung und Weiterführung des Dienstes.

So verließ Witness Lee im Mai 1949 Festlandchina und reiste nach Taiwan. Die Chronik fasst diesen Schritt mit bemerkenswerter Klarheit zusammen: Unter der Leitung Watchman Nees verließ er China „für die Gegenwart des Herrn in Seiner Wiedererlangung“ – eine Bewegung, die ausdrücklich als „strategischer Schritt des Herrn in Seiner Wiedererlangung“ beschrieben wird.

Hier zeigt sich etwas von der Weisheit Gottes, wie sie in der Apostelgeschichte sichtbar wird: Als in Jerusalem Verfolgung ausbrach, wurden die Gläubigen zerstreut – und gerade dadurch verbreitete sich das Evangelium. So wurde auch hier der Druck der Geschichte im Verständnis der Beteiligten zum Werkzeug in der Hand des Herrn.

Ein Neuanfang in Taiwan: Klein im Anfang, mit weitreichender Wirkung

Als Witness Lee am 1. August 1949 offiziell mit der Arbeit in Taiwan begann, standen ihm dort schätzungsweise 300 bis 500 Gläubige zur Seite. Das war kein triumphaler Einzug eines etablierten Werkes, sondern ein demütiger Neuanfang mit einer kleinen Schar.

Doch die geistliche Realität war größer als die äußere Zahl. Hinter diesem kleinen Anfang standen:

  • Jahrzehnte der Zurüstung durch das Wort,
  • praktische Erfahrungen in der Gemeinde,
  • die enge Gemeinschaft mit Watchman Nee,
  • und eine klare Führung des Herrn, wie sie die Beteiligten bezeugten.

In der Chronik heißt es, dass sich die Zahl der Gläubigen im ersten Jahr um ein Vielfaches vergrößerte und innerhalb von fünf bis sechs Jahren auf über 40.000 anwuchs. Dieses außerordentliche Wachstum wird in den Quellen mit dem beständigen Gemeindeleben in Verbindung gebracht, wie es zuvor in China gelernt worden war: die Gemeinde als Leib Christi, die praktische Mitarbeit aller Glieder, das Tragen des Evangeliums durch den ganzen Leib.

Dieser Übergang zeigt, wie der Herr in einem neuen Umfeld dasselbe geistliche Muster wiederherstellt: lokale Gemeinden, die auf Christus und Sein Wort gegründet sind, verbunden durch ein gemeinsames geistliches Maß, aber ohne eine kirchliche Organisation im üblichen konfessionellen Sinn.

Bewahrung und Ausweitung des Dienstes

Der Übergang nach Taiwan war nicht nur eine geographische Verschiebung, sondern nach dem Zeugnis der Quellen eine Bewahrung und Ausweitung des Dienstes.

Zum einen wurde das gedruckte Wort gesichert und weitergetragen. In Shanghai war der Shanghai Gospel Book Room schon zuvor ein wichtiger Träger der Schriften Watchman Nees gewesen. Nach 1949 übernahm Witness Lee die Verantwortung für die Publikation außerhalb Chinas über das Taiwan Gospel Book Room und später das Hong Kong Church Book Room. Damit wurde gewährleistet, dass die geistlichen Einsichten, die der Herr in China geschenkt hatte, nicht hinter verschlossenen Grenzen verblieben.

Zum anderen wuchs aus dem Werk in Taiwan eine Art geistliches Schulungszentrum. Schon 1951 wurden erste Trainings für vollzeitliche Mitarbeiter durchgeführt. 1953 folgte ein formelles viermonatiges Training; 1954 begann Witness Lee mit einem ersten „Life-Study“ der ganzen Bibel in Taiwan, in dem er in wenigen Monaten alle Bücher der Schrift kurz durchging. All dies diente dazu, Gläubige nicht nur zu sammeln, sondern zuzurüsten, zu charakterfesten Dienern zu formen und das Gemeindeleben zu stärken.

Taiwan wurde damit zu einem Knotenpunkt: Von dort aus wurden nicht nur chinesischsprachige Gemeinden in Südostasien gestärkt, sondern auch Grundlagen gelegt, die das Werk später nach Amerika, Europa und in viele andere Teile der Welt tragen sollten.

Die letzte Begegnung zweier Diener

1950 sahen sich Watchman Nee und Witness Lee in Hongkong zum letzten Mal. Watchman Nee konnte China bereits nur noch begrenzt verlassen; die Lage im Land spitzte sich zu. In dieser Begegnung übertrug er Witness Lee offiziell die Verantwortung für die Verlagsarbeit außerhalb Chinas, insbesondere für das Taiwan Gospel Book Room und das Hong Kong Church Book Room.

Hier wurde gewissermaßen ein Staffelstab übergeben: Watchman Nee würde bald darauf unter schweren Beschränkungen inhaftiert werden, sein öffentlicher Dienst endete, doch sein geistlicher Dienst setzte sich fort – getragen von denen, die er zugerüstet hatte. Witness Lee wurde zum Hauptträger des Dienstes in der Freiheit.

Der Übergang nach Taiwan war somit nicht nur ein persönlicher Umzug, sondern ein geordneter Übergang von Verantwortung: Der Herr sorgte nach dem Verständnis der Beteiligten dafür, dass der Strom Seines Wortes nicht versiegte, als in China die Türen sich schlossen.

Ein Schritt zur weiteren Ausbreitung

Rückblickend erweist sich 1949 als das Jahr, in dem die Wiedererlangung des Herrn aus einer vornehmlich chinesischen Bewegung zunehmend eine weltweite Dimension gewann. Von Taiwan aus reiste Witness Lee ab 1950 regelmäßig auf die Philippinen, später nach Japan und in andere asiatische Länder. 1958 führte ihn sein Weg erstmals nach Amerika, Europa und Israel; 1962 begann er offiziell mit dem Werk in den USA, was die Wiedererlangung in die englischsprachige Welt brachte.

Ohne den Übergang nach Taiwan wäre dieser Weg nach menschlichem Ermessen deutlich erschwert gewesen. Die Verbindung von

  • einer relativen politischen Stabilität,
  • einer offenen Tür für christliches Zeugnis,
  • und der Möglichkeit, Literatur zu drucken und zu verbreiten,

schuf die Voraussetzungen für die weitere Ausbreitung. Taiwan wurde in diesem Sinn zu einem geistlichen Sprungbrett.

So wie der Herr in der Apostelgeschichte Antiochia als Basis für die weitere Mission nutzte, so gebrauchte Er nach dem Verständnis dieser Bewegung Taiwan als Basis für eine neue Phase Seiner Wiedererlangung. Der Übergang von 1949 war kein Rückzug in die Randlage, sondern eine Bewegung an eine vorbereitete Position.

Geistliche Lektionen aus einem historischen Übergang

Für heutige Leser hat dieser Wendepunkt mehrere geistliche Lektionen:

1. Gottes Werk ist nicht an eine Nation gebunden.
So sehr der Herr China in den Jahrzehnten zuvor besucht hatte – als die äußeren Umstände sich änderten, band Er Sein Werk nicht an Grenzen. Er führte es weiter, indem Er Menschen an andere Orte versetzte.

2. Strategische Entscheidungen können geistlich sein.
Die Entscheidung, Witness Lee aus China zu senden, war keine neue Lehre, sondern ein praktischer Schritt der Weisheit. Sie zeigt, dass geistliche Leiter berufen sind, nicht nur zu lehren, sondern auch im Blick auf die äußere Situation verantwortungsvoll zu handeln, um das Zeugnis des Herrn zu bewahren.

3. Kleine Anfänge tragen oft große Verheißungen in sich.
300 bis 500 Gläubige in Taiwan waren äußerlich wenig. Doch der Herr fügte hinzu, formte und multiplizierte. Wo Christus das Zentrum ist, Seine Gemeinde praktisch gelebt wird und Sein Wort Raum gewinnt, kann ein kleiner Anfang zu weitreichenden Folgen führen.

4. Leiden und Einschränkung an einem Ort können Segen an einem anderen Ort hervorbringen.
Während Watchman Nee bald darauf den Weg des Leidens im Gefängnis gehen musste, nahm der Dienst durch Witness Lee in der Freiheit neue Fahrt auf. Der eine trug das Zeugnis im Verborgenen, der andere öffentlich – doch beides diente dem einen Ziel: der Auferbauung der Gemeinde.

Mehr als nur ein Datum

Wenn wir heute auf die Geschichte der gegenwärtigen Wiedererlangung des Herrn seit 1922 schauen, gehört 1949 zu den markantesten Wendepunkten: Was zu Beginn vor allem in Südchina begann, über Shanghai und viele andere Städte Festlandchinas wuchs und reifte, wurde durch den Übergang nach Taiwan vor der Bedrohung durch ein geschlossenes System bewahrt und zugleich in eine neue Phase der Ausbreitung geführt.

So wird 1949 zu einem Jahr, in dem mitten in politischer Unsicherheit etwas Bleibendes geschah: Der Herr bewahrte Sein Werk, weitete den Horizont und führte Seine Wiedererlangung auf einen Weg, der schließlich bis in viele Länder der Erde reichen sollte.

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