Evan Roberts (1878-1951)
Ein junger Waliser im Feuer Gottes
Als Evan Roberts am 8. Juni 1878 im walisischen Loughor geboren wurde, ahnte niemand, dass Gott durch diesen schlichten Bergarbeiter einen der bedeutendsten Aufbrüche der walisischen Erweckungsgeschichte gebrauchen würde. Roberts stammte aus einfachen Verhältnissen; sein Alltag war der Kohlengrube vorbehalten, sein Herz jedoch Gott.
Schon früh prägte ihn eine tiefe Gottesfurcht. Er wuchs in der Moriah Chapel in Loughor auf, einer calvinistisch-methodistischen Kapelle, die später zur Ausgangsstätte des Walisischen Aufbruchs werden sollte. Am 18. Dezember 1903 predigte er dort seine erste Botschaft – sein Text war ein Wort Jesu, das sein eigenes Leben kennzeichnete:
Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf sich und folge mir nach. (Lukas 9:23)
Selbstverleugnung, tägliches Kreuztragen und Nachfolge – was er predigte, suchte er zu leben. In seinem Wesen lag nichts Glänzendes oder Hervorgehobenes, aber eine stille, eindringliche Hingabe. Später berichtete ein Professor, der einen Tag mit ihm verbrachte, Roberts sei ein Mensch „ohne Selbstbewusstsein“ gewesen – nicht im Sinn von Unsicherheit, sondern von starkem Absehen von sich selbst. Wer ihm begegnete, sollte Christus sehen, nicht die Person Evan Roberts.
Spirituelle Vorbereitung und innere Beugung
Der große Aufbruch von 1904/05 fiel nicht ohne Vorbereitung vom Himmel. In Wales hatten Gläubige seit Jahren anhaltend dafür gebetet, dass Gott die Gemeinden erneuern und das geistliche Leben neu beleben möge. Besonders in der Küstenstadt New Quay rang der Prediger Joseph Jenkins Anfang 1904 intensiv im Gebet um eine Veränderung.
In einer Jugendgebetsstunde im Februar 1904 stand die junge Florrie Evans plötzlich auf und sagte schlicht: „Ich liebe Jesus Christus von ganzem Herzen.“ Dieses einfache Zeugnis wirkte wie ein Funke in trockenem Gras. Die Versammlung „entflammte“; es wurde leicht, zu beten, zu bekennen, Christus zu bezeugen. In den folgenden Monaten sprang dieses Feuer in benachbarte Orte über.
Einer dieser Orte war das Dorf Blaenannerch. Dort wirkte der Prediger M. P. Morgan mit ganzer Kraft an der entstehenden Bewegung mit. Für September 1904 wurde in Blaenannerch eine Konferenz organisiert. Unter den Teilnehmern befand sich ein junger Mann aus der Grammatikschule von Newcastle Emlyn – Evan Roberts. Die Schule bereitete junge Männer auf das Predigtamt vor; Roberts selbst war im Begriff, diesen Weg einzuschlagen, blieb innerlich aber der einfache Mann aus der Grube.
Bei den Treffen in Blaenannerch betete der Evangelist Seth Joshua. Er erzählte, er habe jahrelang darum gebetet, dass Gott einen jungen Mann aus den Gruben oder von den Feldern – keinen Gelehrten, sondern einen „gewöhnlichen“ – berufen möge, der ein Werkzeug für einen walisischen Aufbruch sein sollte. Ohne dass er es ahnte, saß ein solcher junger Mann in der Versammlung.
In einem der Gebete an diesem Tag gebrauchte Joshua die Worte: „…und beuge uns“ („bend us“). Dieses Wort traf Evan Roberts ins Herz. Er brach in Tränen aus, und ein tiefes Werk des Heiligen Geistes ging in ihm vor sich. Später fasste er zusammen, was an diesem Tag geschah: Er war nicht „bekehrt“ worden – das lag Jahre zurück –, aber an diesem Tag wurde er „ganz gehorsam, ganz bereit“. Er willigte ein, dass Gott mit ihm tue, was Er wolle.
Aus dieser inneren Beugung erwuchsen zwei Gebete, die ihn – nach zeitgenössischen Berichten – lebenslang begleiteten: „Beuge mich tief, Herr“ und „Beuge die Gemeinde tief, um die Welt zu retten.“ Der Weg ins Werk Gottes führte für ihn nicht über menschliche Größe, sondern über Demut, Zerbrochenheit und totale Verfügbarkeit.
Ruf zurück nach Loughor
Mit dem Erlebnis von Blaenannerch im Herzen kehrte Roberts nach Newcastle Emlyn zurück, wo er zur Schule ging. Doch lange sollte er nicht bleiben. Am 30. Oktober 1904 besuchte er einen Gottesdienst in Bethel, Newcastle Emlyn. Während der Versammlung erlebte er eine starke innere Dringlichkeit: Er verstand es so, dass der Heilige Geist ihn drängte, am nächsten Tag nach Loughor zurückzukehren, um dort mit der Jugend der Moriah-Gemeinde zu arbeiten.
Am 31. Oktober reiste er ab. Seine Familie war überrascht, ihn mittags in Island House, dem Elternhaus, zu sehen – sie vermuteten Krankheit. In Wirklichkeit war es ein anderer Ruf, der ihn heimgeführt hatte: In Loughor sollte etwas Neues beginnen.
Noch am Abend dieses 31. Oktober 1904 startete eine kleine Gebetsversammlung im Schulraum der Moriah Chapel, dem kleineren Saal der Kapelle. Was äußerlich unspektakulär begann, wurde rückblickend als „die Morgenröte der Erweckung in Loughor“ bezeichnet. Für Wales waren es zwei Wochen von besonderer Prägekraft, die manche Zeitgenossen mit den Tagen des Aufbruchs von 1859 verglichen.
Die ersten Abende in Moriah
Roberts begann mit einer Reihe von Gebetstreffen. Seine Botschaft war einfach, direkt, ohne Predigtkunst, voller Dringlichkeit. Immer wieder forderte er die Anwesenden auf, öffentlich Farbe zu bekennen und sich zu Christus zu stellen, ihre Sünden zu bekennen, sich reinigen zu lassen und ein hingegebenes Leben zu führen.
Anfangs war die Resonanz verhalten. Viele empfanden seine Art als unkonventionell. Er hielt sich nicht an gewohnte Formen, ließ lange Stille zu, öffnete die Versammlungen für spontane Gebete, Lieder und Bekenntnisse. Hinzu kam, dass es in der eigenen Heimat oft schwerer ist, ernst genommen zu werden. Man kannte ihn als jungen Mann aus der Grube, nicht als „großen Prediger“.
Doch das anfängliche Misstrauen wich nach und nach. Die Menschen merkten: Hier steht keiner im Vordergrund, der sich selbst inszeniert, sondern ein Mann, der sich – seinem eigenen Verständnis nach – von der Leitung des Heiligen Geistes abhängig machte. Die Versammlungen gewannen an Tiefe und Ernst. Ruf zur Buße, Beugung und völligen Hingabe stand im Mittelpunkt.
Am Sonntag, dem 6. November 1904, erlebten die Teilnehmenden in einer Abendversammlung einen Durchbruch. Viele beschrieben es so, dass der Heilige Geist in großer Kraft wirkte: Die Menschen begannen eindringlich zu beten, zu bekennen, um Vergebung zu flehen. Man blieb bis tief in die Nacht zusammen. Eine geistliche Atmosphäre von heiligem Ernst und zugleich überströmender Freude erfüllte den Raum.
Von nun an waren die Versammlungen in Moriah Abend für Abend überfüllt. Sie dauerten teilweise bis vier oder fünf Uhr morgens. Menschen unterschiedlicher Konfessionen strömten herbei, gelegentlich auch von weither, um dieses Geschehen mitzuerleben. Es gab keinen festgelegten liturgischen Ablauf, keinen klaren „Leiter“, der jede Minute bestimmte. Viele hatten den Eindruck, dass Gott Selbst die Leitung übernommen habe.
Ein Reporter, der einige Jahre später eine der Versammlungen besuchte, schilderte die äußere Szenerie als beinahe chaotisch: Mütter stillten ihre Babys, Kinder liefen umher, manche aßen, andere weinten. Gleichzeitig herrschte eine unsichtbare Ordnung: Menschen standen auf, um ein Lied auszurufen, andere lasen Bibelverse, wieder andere bekannten in aller Öffentlichkeit ihre Sünden. Es gab lange Phasen völliger Stille, doch niemand drängte, aufzubrechen.
Die Dynamik des Gebets
Die Kraft dieses Aufbruchs lag im Gebet. Evan Roberts hatte – so wird berichtet – eine schlichte, aber tiefgründige Sicht davon, wie Gott im Gebet wirkt: „Das Gebetsrad dreht sich so: Gott initiiert, der Mensch betet, und Gott vollbringt.“ Gott beginnt, indem Er Sein Verlangen ins Herz legt; der Mensch antwortet im Gebet; Gott vollendet Sein Werk.
In dieser Linie verstand Roberts auch Buße und Licht. Er konfrontierte die Gläubigen damit, wie lange es her war, dass sie anderen gegenüber Sünden bekannt hatten. Wer jahrelang nichts mehr bekannt hatte, lebte – so seine Sicht – nicht im Licht, sondern im Dunkel der Selbsttäuschung. Die Nähe Gottes bringt Licht hervor, und wo Licht ist, da gibt es Demut und ein tiefes Bewusstsein der eigenen Sünden.
Dieses Verständnis erklärte, warum in den Versammlungen des Walisischen Aufbruchs das freie Sündenbekenntnis so viel Raum einnahm. Menschen flehten um Vergebung, empfingen die Gewissheit der Gnade und konnten dann nicht anders, als freudig zu bezeugen, was Gott an ihnen getan hatte. Viele berichteten, wie ihnen „das harte Herz“ genommen wurde und neue Liebe zu Christus in ihnen aufging.
Ausstrahlung über Wales hinaus
Was in Moriah begann, blieb nicht lokal. „Von nun an verbreitete sich das Feuer wie ein Lauffeuer von Ort zu Ort im ganzen Land“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Wo immer Menschen schon länger um Erweckung gebetet hatten, schien der Heilige Geist in besonderer Kraft zu wirken. Das, was in Loughor geschah, bestätigte und bündelte vielerorts vorhandene Sehnsucht.
Innerhalb kurzer Zeit war Wales weithin erfasst. Lokale Pastoren berichteten wenige Jahre später, es gebe Regionen, in denen nach ihrer Einschätzung kaum noch Menschen zu finden seien, die nicht in irgendeiner Weise von der Bewegung berührt worden wären. Evangelisationsveranstaltungen mit „Bekehrungsaufruf“ waren stellenweise stark zurückgegangen, weil so viele bereits durch die Welle des Erwachens erreicht worden waren. Solche Aussagen spiegeln die damalige Wahrnehmung wider, auch wenn sie sich kaum statistisch absichern lassen.
Dieses Geschehen blieb nicht ohne Einfluss auf andere Länder. Berichte über den Aufbruch in Wales wurden in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, erregten Staunen und weckten Nachahmung – oder zumindest das Verlangen, dass Gott auch anderswo in ähnlicher Weise handeln möge. In diesem Sinn gehört der Walisische Aufbruch in den größeren Zusammenhang der weltweiten geistlichen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, auch wenn er selbst nicht durch Zungenrede geprägt war und seine Leiter nach späteren Zeugnissen der entstehenden Pfingstbewegung eher kritisch gegenüberstanden.
Gerade dadurch ist er im Umfeld der Pfingstzeit bemerkenswert: Während an anderen Orten das pfingstliche Reden in Sprachen öffentlich im Mittelpunkt stand, lag das Gewicht in Wales auf Buße, Gebet, Beugung und einem tiefen Werk des Geistes im Verborgenen der Herzen. Dennoch ist der Walisische Aufbruch Teil derselben großen Epoche, in der der Heilige Geist weltweit neue Akzente setzte und Gemeinden aufrüttelte.
Persönliche Prägung und späteres Wirken
Evan Roberts selbst blieb in seinem Selbstverständnis das, was er von Anfang an war: ein schlichter, aber Gott überlassener Mensch. Seine „Predigten“ bestanden oft nur aus wenigen Sätzen, aus kurzen Gebeten, aus eindringlichen Appellen. Dennoch verließen viele die Versammlungen entweder weinend – getroffen von Buße – oder jubelnd – erfüllt von Freude. Das Entscheidende lag nicht in seiner Persönlichkeit, sondern in der Gegenwart Gottes, die viele in seiner Nähe wahrnahmen.
Sein Dienst als öffentlicher Verkündiger währte nur kurz. Etwa zwischen seinem 19. und 26. Lebensjahr stand er im Vordergrund. Dann brach seine Gesundheit ein. Körperlich geschwächt, zog er sich weitgehend zurück und konnte viele Jahre nicht mehr öffentlich arbeiten. Gleichwohl blieb sein inneres Leben bei manchen in Erinnerung: Wer ihm begegnete, spürte – so die Berichte – eine außergewöhnliche Abwesenheit von Selbstbezogenheit, eine stille, auf Christus konzentrierte Innerlichkeit.
Später arbeitete Roberts mit der bekannten geistlichen Autorin Jessie Penn-Lewis zusammen. Aus diesem Miteinander ging das Buch War on the Saints hervor, in dem sie ihre Erkenntnisse über geistliche Kampfführung, besonders im Blick auf Täuschungen und übernatürliche Einwirkungen, festhielten. Roberts hatte während des Erwachens in Wales nach eigenem Verständnis nicht nur Gottes Wirken erlebt, sondern auch geistliche Verirrungen und dämonische Aktivitäten beobachtet. Diese Erfahrungen prägten seine nüchterne, zugleich ernste Sicht des geistlichen Kampfes nach Epheser 6.
Mehrere Zeitzeugen betonen, dass er und seine engsten Mitstreiter sehr auf der Hut vor überzogenen ekstatischen Erscheinungen waren. Obwohl der Heilige Geist nach ihrer Überzeugung mächtig wirkte, wollten sie alles prüfen, was geschah, und am Maßstab der Schrift messen. In einer Zeit, in der vielerorts pfingstliche Phänomene aufkamen, standen Roberts und Penn-Lewis für eine starke Betonung von Prüfung der Geister, Schriftgebundenheit und innerer Heiligung.
Ein leiser, aber bleibender Nachhall
Evan Roberts starb im Januar 1951. Er hinterließ keine große Organisation, keine nach ihm benannten Werke, keine Schule. Was bleibt, ist eher ein geistliches Erbe: die Erinnerung an einen Menschen, der sich von Gott „beugen“ ließ und dadurch – nach zeitgenössischer Wahrnehmung – zu einem Gefäß für eine außergewöhnliche Ausgießung des Heiligen Geistes wurde.
Vor der Moriah Chapel in Loughor erinnert heute eine Gedenksäule an ihn. Darauf ist unter anderem eine handschriftliche Notiz von Roberts zu lesen – ein schlichtes Vermächtnis, das seine Botschaft auf den Punkt bringt:
Lieber Freund – Gott liebt dich. Suche Ihn darum eifrig; bete ernstlich zu Ihm. Lies Sein Wort beständig. Dein im Evangelium, Evan Roberts
In dieser kurzen Zeile schwingen die Grundtöne seines Lebens mit: die Liebe Gottes, die Ernsthaftigkeit des Suchens, das beharrliche Gebet, die beständige Hinwendung zur Schrift.
Im Rückblick zeigt seine Biografie, wie Gott in der Zeit der Pfingstbewegung unterschiedlich wirkt: Hier ein Aufbruch mit Zungenrede, dort ein tiefes Buß- und Gebetswerk ohne spektakuläre Manifestationen; hier theologisch geschulte Leiter, dort ein junger Bergarbeiter mit gebeugtem Herzen. Alles steht unter derselben Verheißung: Gott schenkt Zeiten der Erquickung, wenn Sein Volk sich demütigt, betet, Sein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt (2. Chronik 7:14).
Evan Roberts’ Leben lädt bis heute dazu ein, nicht auf Begabung, Bildung oder äußere Formen zu vertrauen, sondern auf den lebendigen Gott, der einen Menschen, der Ihm ganz gehört, als Werkzeug für viele gebrauchen kann. Seine beständige Bitte „Beuge mich tief, Herr – und beuge die Gemeinde tief“ bleibt ein zeitloses Gebet für alle, die sich nach einem neuen, echten Wirken des Heiligen Geistes sehnen.