M. E. Barber (1866-1930)
Ein verborgenes Leben im Licht Gottes
Margaret Emma Barber gehört zu den stillen Gestalten der Kirchengeschichte, die kaum Spuren in den Archiven, aber tiefe Spuren in Menschenherzen hinterlassen haben. In der Reihe der „Christen des inneren Lebens“ steht sie neben Persönlichkeiten wie Andrew Murray und Jessie Penn‑Lewis – doch ihr Weg verlief wesentlich verborgener.
Sie wurde 1866 in Peasenhall, Suffolk, in England geboren. Als anglikanische Missionarin ging sie 1899 zum ersten Mal nach China. Sie diente sieben Jahre lang an der Tau‑Su‑Mädchenschule in Foochow (Fuzhou, Provinz Fukien). In den Akten ihrer Mission erscheint sie als eifrige, hingebungsvolle Mitarbeiterin mit strahlender Persönlichkeit. Äußerlich waren es gute Jahre, innerlich wurden es Jahre des Kreuzes.
Die Lektion des Kreuzes: Nicht sich selbst rechtfertigen
In Foochow wurde M. E. Barber zur Zielscheibe von Eifersucht. Die Schulleiterin erhob schwere, nach den späteren Darstellungen bewusst erfundene Anschuldigungen gegen sie. Menschlich gesehen hätte sie allen Grund gehabt, sich zu verteidigen, ihren Namen reinzuwaschen und ihre Unschuld zu beweisen. Doch sie entschied sich bewusst dagegen. Sie nahm diese Situation als eine Lektion des Kreuzes aus Gottes Hand an und schwieg.
Sie kehrte nach England zurück und hielt an ihrer Entscheidung fest, sich nicht selbst zu rechtfertigen. Erst als der verantwortliche Bruder der Mission sie ausdrücklich als ihre geistliche Autorität aufforderte, ihm die Wahrheit zu sagen, schilderte sie ihm den Sachverhalt. Bis dahin aber hatte sie das Unrecht in der Gegenwart des Herrn getragen.
Diese Episode ist nach den überlieferten Berichten wie ein Schlüssel zu ihrem ganzen späteren Leben: Sie war bereit, von Menschen verkannt zu werden, wenn sie nur in Gottes Licht bestehen konnte. Es ging ihr nicht darum, „recht zu behalten“, sondern darum, vor Gott auf dem Weg des Kreuzes zu bleiben.
Rückkehr nach China – ein unabhängiger Weg im Glauben
Im Jahr 1909, nach geistlicher Weggemeinschaft mit D. M. Panton von der Surrey Chapel in Norwich, reiste sie erneut nach China, diesmal nicht mehr im Rahmen einer Missionsgesellschaft, sondern als unabhängige Glaubensarbeiterin. Ihre Nichte, Miss Ballord, zwanzig Jahre jünger, begleitete sie.
Barber ließ sich in Pagoda Anchorage (Ma‑Wei bei Foochow) nieder und blieb dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1930. Sie lebte einfach, ohne große Organisation im Hintergrund, aber im Vertrauen auf Gottes Versorgung. Ihr Dienst war nicht spektakulär, sondern geprägt vom stillen Lehren, Beten, Ermahnen und Begleiten einzelner Gläubiger.
Eine typische Begebenheit aus dieser Zeit zeigt ihr Vertrauen in Gottes Führung. Sie hatte im Gebet den Eindruck, Wohnungen für glaubensgeschwisterliche Gäste bereitzustellen. Sie betete, und nach dem Zeugnis Watchman Nees öffnete Gott den Weg: Eine nahegelegene Berufsschule schloss, das Gebäude mit zwanzig Zimmern konnte zu sehr niedrigem Mietpreis übernommen werden. Vier Jahre später kündigte die Schule ihre Wiedereröffnung an, Ingenieure aus den USA waren bereits unterwegs. Für alle sah die Sache entschieden aus – nur Barber blieb ruhig und sagte, sie werde nicht einmal dafür beten, umzuziehen; Gott mache keine „Scherze“ mit Seinen Kindern. Er habe ihr den Dienst der Gastfreundschaft aufgetragen und Ihn nicht widerrufen. Am Ende musste die Schule aus finanziellen Gründen Konkurs anmelden, Barber konnte bleiben. Für sie war es eine Bestätigung: Wer Gottes Wesen und Seine Wege kennt, lernt, in unruhigen Umständen ruhig zu vertrauen.
Ein tiefes inneres Leben: Hunger nach Gott
Der Platz von M. E. Barber in der Geschichte der Christen des inneren Lebens liegt weniger in öffentlichen Konferenzen oder großen Bewegungen, sondern in der Tiefe ihres persönlichen Umgangs mit dem Herrn. Watchman Nee, der durch sie entscheidend geprägt wurde, nannte sie „eine, die sehr tief im Herrn war“ und meinte, die Art ihrer Gemeinschaft und Treue dem Herrn gegenüber sei „selten auf dieser Erde“.
Mehrfach hat sie bezeugt, dass sie seit ihrem neunten Lebensjahr einen „ewigen Hunger nach Gott“ in sich trug. Sie beschrieb, wie dieser Hunger immer dann nachließ, wenn ihr Blick von dem Herrn weg auf anderes glitt. Sobald sie aber ihre Augen wieder auf Ihn richtete, erwachte der Hunger erneut – und der Herr stillte ihn immer wieder neu. So konnte sie sagen, sie sei zugleich immer hungrig und immer gesättigt.
Kurz vor ihrem Tod fragte Watchman Nee sie, warum ihre geistlichen Erfahrungen so tief seien. Ihre Antwort war schlicht: Sie habe nie aufgehört, hungrig zu sein und „zu essen“. Was sie gestern empfangen habe, genügte ihr heute nicht; sie war überzeugt, dass Gott „mehr“ habe – und sie wollte dieses Mehr.
In ihrer Bibel fand Nee später die Bitte:
O Gott, gib mir eine gründliche und unbegrenzte Offenbarung über mich selbst.
Wer so zu beten wagt, erwartet nichts Oberflächliches. Barber wollte nicht nur mehr Erkenntnis über Gott, sondern auch ein schonungsloses Licht Gottes über das eigene Herz – damit alles Trennende weggetan werden könne.
Gehorsam und Gottes Wille: Unterwerfen vor Verstehen
Wie viele Christen des inneren Lebens rang auch Barber um das rechte Verständnis von Gottes Willen. Aber sie blieb nicht bei systematischen „Methoden“ stehen, sondern erlernte einen Weg, der selbst wieder ein Stück Kreuz bedeutet.
Watchman Nee berichtet von einer Aussage Barbers, die in vielen Herzen weiterlebt: Jedes Mal, wenn Gott zögere, ihr Seinen Willen zu zeigen, gehe sie davon aus, dass in ihr noch ein unbeugsamer Bereich sei – eine Stelle, an der sie Seinem Willen noch nicht wirklich gehorchen wolle. In solchen Situationen suche sie nicht zuerst mehr „Information“, sondern lasse sich prüfen, ob nicht ein verborgener Widerstand oder eine Sünde da sei.
Später fasste Witness Lee diesen inneren Grundsatz mit einem Wort Barbers zusammen: Wer bereit ist, sein eigenes Ich zu verwerfen, sei „zu neunundneunzig Prozent“ schon durch die Schule des Willens Gottes hindurchgegangen; das verbleibende eine Prozent sei nur noch das Erkennen. Ein anderes Wort, das mit ihr verbunden wird, bringt dieselbe Linie zum Ausdruck:
Das Geheimnis, den Willen Gottes zu verstehen, besteht darin, dass zu 95 % Unterwerfung unter den Willen Gottes nötig ist und nur zu 5 % das Verstehen.
Die Frage nach dem Willen Gottes ist damit nicht zuerst eine Frage der Erkenntnis, sondern des Herzens: Bin ich bereit, ja zu sagen, bevor ich alles verstanden habe?
Ein Leben der Liebe: „Ich danke Dir für dieses Gebot“
Wie sah die Liebe zu Christus bei M. E. Barber aus? In ihrer Bibel, neben dem Gebot Jesu in Matthäus 22:37, fand Watchman Nee folgenden handschriftlichen Satz:
Herr, ich danke Dir, dass es ein solches Gebot gibt.
Viele empfinden Gottes Gebote als drückend. Für Barber war dieses besondere Gebot – Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzem Denken zu lieben – Anlass zum Dank. Sie sah darin nicht eine Last, sondern ein Vorrecht: Gott selbst gibt uns das Recht und die Möglichkeit, Ihn ganz zu lieben.
Ihr Gebetsleben war von derselben Haltung geprägt. Immer wieder hörte Nee sie nach seinen Erinnerungen beten: „Herr, ich bete Dich an für Deine Wege.“ Damit meinte sie nicht, dass Gottes Wege immer angenehm wären. Sie wusste, dass Gott nicht jede Bitte erhört, dass Fasten und Flehen nicht immer die sichtbare Errettung bringen, auf die man hofft. Und doch lernte sie, Gott gerade für Seine – oft unverständlichen – Wege anzubeten. Wer so betet, legt das Bedürfnis, Gott verstehen zu wollen, in Seine Hand und bleibt dennoch an Ihm hängen.
Ein weiteres Wort von ihr zeigt, wie sehr sie sich dabei selbst zurücknahm:
Herr, ich bin bereit, dass mein Herz zerbrochen wird, wenn ich dadurch Dein Herz zufriedenstellen kann.
Das ist reine Liebessprache – die Bereitschaft, eigene Wünsche und Sicherheiten in den Tod zu geben, damit Christus mehr Raum gewinnt.
Schärfe des Geistes und Zerbrochenheit des äußeren Menschen
M. E. Barber war von Natur her wach, scharf und schnell. Doch die, die ihr begegneten, hatten nicht den Eindruck einer dominanten Persönlichkeit. Was scharf war, war durch Gottes Hand zerbrochen und gereinigt. Der „äußere Mensch“ war durch viele Erfahrungen des Kreuzes gebrochen worden, damit das Leben Christi ungehindert hervortreten konnte.
Das zeigt sich in ihrem Umgang mit anderen. Sie konnte sehr direkt und streng sein, wenn es um Gott ging. Ein Beispiel: Eine Schwester, die ein ernsthaftes Fehlverhalten zu bekennen hatte, weinte stundenlang. Watchman Nee war zunächst beeindruckt von ihrer Reue, doch Barbers Einschätzung war nüchtern: Die Frau weine nicht um des Herrn willen, sondern aus Selbstmitleid – und dieser Art von „Reue“ wolle sie nicht helfen. Was hart klingt, entsprang nach Nees Eindruck nicht Lieblosigkeit, sondern geistlicher Unterscheidung: Barber sah den Unterschied zwischen Tränen, die aus echter Buße kommen, und solchen, die das eigene Ich im Mittelpunkt lassen.
Zugleich lebte sie sehr entschieden vor Gott. Als manche ihr vorwarfen, sie würde sich mit langen täglichen Spaziergängen „gehen lassen“, nahm sie die Kritik nicht zum Maßstab. Sie hatte vor dem Herrn geklärt, dass diese Zeit zum Gehen Sein Wille für ihre Gesundheit und ihren Dienst sei. Ihre Frage an den jungen Watchman Nee lautete: Lebt ein Christ nach dem, was andere sagen, oder nach dem, was er vor Gott weiß? Sie wollte weder trotzig noch eigenwillig sein, aber wenn sie vor Gott Klarheit hatte, ordnete sie sich nicht mehr menschlichen Meinungen unter.
Ein Dienst des Lebens, nicht der Theorie
Besonders deutlich wird ihr inneres Leben in der Wirkung, die sie auf andere hatte. Watchman Nee bezeugte, dass er durch die Gemeinschaft mit ihr nicht nur durch ihre Worte Hilfe bekam. Schon wenn sie nur bei ihm saß, wurde sein innerer Mensch genährt. Ihre Gegenwart vermittelte Leben. Sie war, so seine Beschreibung, ein Mensch, durch den Christus selbst andere versorgte.
Das zeigte sich auch in ihrer Einschätzung von Predigt und Lehre. Als sie einmal einen jungen, begabten Redner hörte, dessen Vortrag brillant war, aber kein Leben transportierte, kommentierte sie das bildhaft: Es sei etwas Gutes gewesen, „aber es bewege sich nicht“ – wie eine Tür, die zwar schön, aber fest verriegelt sei. Ihre Botschaft an den jungen Watchman Nee war ähnlich: Es komme nicht darauf an, gute Ideen, klare Gliederung und passende Beispiele zu haben; entscheidend sei, dass in der Botschaft Leben sei. Erkenntnis ohne Leben bleibt tot.
Damit steht M. E. Barber in einer Linie mit den Christen des inneren Lebens insgesamt: Sie wollte keine bloßen Lehren über Sieg, Kreuz und Heiligung weitergeben, sondern Menschen in die reale Erfahrung der Gegenwart Christi führen. Bei ihr galt: Zuerst die innere Wirklichkeit, dann das Wort.
Einfluss auf Watchman Nee und weit darüber hinaus
Historisch gesehen ist der sichtbarste „Ertrag“ ihres Dienstes die Prägung von Watchman Nee. Zeugnisse aus späterer Zeit berichten, dass viele junge Menschen durch sie angesprochen wurden, aber nur wenige blieben – ihre Klarheit und Strenge im Blick auf Gottes Anspruch hielten nur wenige aus. Einer, der immer wiederkam, war der junge Nee.
Er erhielt von ihr nicht nur praktische Korrektur und Ermutigung, sondern wurde durch sie auf Schlüsselgestalten der inneren Lebensbewegung hingewiesen, insbesondere auf Jessie Penn‑Lewis. Barber war überzeugt, dass es nicht nur Lehre über den Sieg gebe, sondern einen Weg durch das Kreuz hindurch. Sie sprach selbst davon, dass man Penn‑Lewis brauche, „um uns von ihrer Erfahrung des Kreuzes zu erzählen“. Über Barber lernte Nee die Schriften von Penn‑Lewis kennen; Teile seines Werkes „Der geistliche Christ“ greifen nachweislich auf ihre Gedanken zurück.
So wurde die verborgene Schwester in Ma‑Wei zu einer Wurzel, aus der später in China ein weites Werk hervorging. Ihr Name blieb im Hintergrund, doch durch ihren Einfluss erhielt nicht nur ein Mann, sondern eine ganze Bewegung der Gemeinde in China eine deutliche Betonung des Kreuzes, der inneren Wirklichkeit des Lebens Christi und der persönlichen Hingabe.
Vollendung und Vermächtnis
Am 1. März 1930 ging M. E. Barber im Alter von 63 Jahren heim zum Herrn. Über ihre letzten Stunden wird berichtet, sie habe mit lauter Stimme „Leben! Leben!“ ausgerufen – als ob das, was sie ihr Leben lang innerlich suchte und kannte, nun in ganzer Fülle vor ihr aufleuchtete.
Bei ihrer Beerdigung sprach ein Bruder über die Geschichte von Maria in Bethanien, die den Nardenflakon über dem Herrn Jesus zerbrach. Er sagte, Barber habe wie Maria „getan, was sie konnte“ – sie habe sich selbst „verschwendet“ für den Herrn. Watchman Nee stimmte dem nach eigenem Zeugnis aus ganzem Herzen zu. In seinen Augen gab es nur wenige Menschen, die in einer ähnlichen Weise wie Maria lebten.
In ihrer Bibel fand Nee auf der vorderen Seite eine Zeile, die ihr Leben zusammenfasst: Sie wolle „nichts für sich selbst“, sondern „alles für den Herrn“. Wer ihre Geschichte kennt, spürt: Das war kein frommer Spruch, sondern gelebte Wirklichkeit – angefangen bei der Nicht‑Rechtfertigung im Angesicht falscher Anklagen bis hin zur stillen Treue in einem abgelegenen Winkel Chinas.
Für die Christen des inneren Lebens bleibt M. E. Barber ein leises, aber kräftiges Zeugnis:
- dass geistliche Tiefe nicht an Öffentlichkeit gebunden ist,
- dass der Weg zur Erkenntnis des Willens Gottes über die Unterwerfung des Herzens führt,
- dass echter Dienst zuerst ein Dienst des Lebens, nicht der Rede ist,
- und dass eine einzige Person, die sich ganz dem Herrn hingibt, von Ihm benutzt werden kann, um ganze Geschlechter zu prägen.
Ihr verborgenes Leben in Ma‑Wei gehört damit zu den kostbaren, unscheinbaren Fäden, aus denen Gott die Geschichte Seiner Gemeinde im 19. und 20. Jahrhundert gewebt hat.