Hudson Taylor (1832-1905)
Ein Leben aus Gebet geboren
Hudson Taylor kam am 21. Mai 1832 im englischen Barnsley (Yorkshire) zur Welt. Sein Vater war Apotheker und zugleich eifriger methodistischer Prediger. Etwa um 1830 hatte dieser Vater vor Gott die Not der Millionen in China so tief empfunden, dass er betete, der Herr möge ihm einen Sohn schenken, der für China leben und sterben würde. Dem Jungen selbst sagten die Eltern davon nichts.
Doch schon als vier- oder fünfjähriger Knabe pflegte Hudson zu sagen: Wenn ich einmal groß bin, will ich Missionar in China werden. Später sah die Familie darin ein frühes Zeichen der stillen, zielgerichteten Führung Gottes über seinem Leben.
Bekehrung und die Kraft der Fürbitte
Mit siebzehn Jahren, im Juni 1849, erlebte Hudson Taylor seine Bekehrung – ein Ereignis, das eng mit der Fürbitte seiner Mutter und seiner Schwester verbunden war. An einem freien Nachmittag suchte er in der Bibliothek seines Vaters nach etwas Lesestoff und griff eher zufällig zu einem Evangeliumsflugblatt. Beim Lesen stieß er auf die Formulierung vom „vollendeten Werk Christi“. Der Gedanke traf ihn: Wenn das Werk vollendet ist und die ganze Schuld bezahlt, was bleibt dann eigentlich für mich noch zu tun?
Nach seinem eigenen Bericht ließ der Heilige Geist ihm aufgehen, dass ihm nichts anderes blieb, als sich im Glauben diesem vollbrachten Werk zu überlassen. Er kniete nieder, nahm den Herrn Jesus als seinen Heiland an und pries Ihn.
Zur selben Stunde war seine Mutter, weit entfernt, so in der Fürbitte für den Sohn gedrängt worden, dass sie sich vorgenommen hatte, nicht eher vom Gebet aufzustehen, bis Gott ihn bekehrte. Nach Stunden des Ringens wandelte sich ihre Bitte in Lobpreis – sie war innerlich gewiss, dass Gott sie erhört hatte. Als sie einige Wochen später heimkam, wollte Hudson ihr freudig von seiner Bekehrung erzählen. Doch sie kam ihm zuvor und sagte, sie freue sich seit zwei Wochen über diese Nachricht. Ebenso entdeckte Hudson in den Aufzeichnungen seiner Schwester, dass sie sich verpflichtet hatte, täglich für seine Bekehrung zu beten – genau einen Monat vor seinem Durchbruch.
Für Hudson Taylor wurde dies zu einem prägenden Zeugnis von der Wirklichkeit der Verheißungen Gottes und von der „sachlichen“ Kraft des Gebets.
Hingabe und Berufung nach China
Kurz nach seiner Bekehrung suchte Hudson in einem stillen Nachmittag der Gemeinschaft mit Gott nach einem Weg, seine Liebe und Dankbarkeit praktisch zu zeigen. In innerer Ernsthaftigkeit legte er sich selbst, sein Leben, seine Freunde, sein ganzes Sein auf den Altar. Er schildert, wie ihm die Gegenwart Gottes „unaussprechlich real“ wurde, sodass er sich zu Boden streckte und in stillem Staunen und Freude vor Gott lag.
Seit diesem Tag trug er das Bewusstsein: Ich bin nicht mehr mein eigener. Als ihm später sehr vorteilhafte Angebote für ein medizinisches Studium gemacht wurden, lehnte er ab, weil er nicht wusste, wann und wie der Herr ihn in Dienst rufen würde, und sich deshalb keinem Menschen gegenüber binden wollte.
Einige Monate nach dieser Hingabe wuchs in ihm die Überzeugung, dass der Herr ihn nach China rufe. Er besorgte sich ein Buch über China, lernte die damaligen Verhältnisse kennen – und rechnete damit, dass dieser Weg ihn das Leben kosten könnte. Doch gerade die Worte Jesu an die Zwölf und die Siebzig prägten ihn. Er kam zu der Überzeugung, dass die Anweisungen des Herrn, ohne Beutel und Tasche auszugehen, auch in seiner Zeit noch wegweisend seien, wenn man Ihm vertraue.
Zucht, Studium und die Schule des Glaubens
Um sich auf die Strapazen in China vorzubereiten, gewöhnte Hudson seinen Körper an Entbehrung. Er tauschte sein Federbett gegen eine harte Matratze, verzichtete auf mancherlei Bequemlichkeit und suchte bewusst ein einfaches Leben. Zugleich begann er, die ihm mögliche christliche Arbeit zu tun: Traktatverteilung, Sonntagsschule, Besuche bei Armen und Kranken. Es war eine Zeit intensiven Bibelstudiums und Gebets.
Besonders bemerkenswert sind seine autodidaktischen Anfänge im Chinesischlernen: Mit kaum mehr als einem chinesischen Lukas-Evangelium entwickelte er eine Methode, Zeichen systematisch zu erschließen, indem er englische Verse miteinander verglich und die wiederkehrenden chinesischen Schriftzeichen identifizierte. Binnen weniger Wochen hatte er Hunderte von Zeichen gelernt – ein Zeugnis seiner Beharrlichkeit.
In Hull erhielt er medizinische Ausbildung bei einem Arzt, der Fabriken betreute. Hier lernte er nicht nur medizinisches Handwerk, sondern auch, im praktischen Alltag im Glauben zu leben. Er entschied sich, mindestens den zehnten Teil seines Einkommens zu geben, und richtete sein Leben entsprechend schlicht ein: einfache Unterkunft, lange Fußwege, bescheidene Mahlzeiten. Am Ende konnte er zwei Drittel seines Einkommens für das Werk des Herrn geben. Er schrieb später, je weniger er für sich selbst ausgebe und je mehr er verschenke, desto voller von Freude und Segen werde seine Seele.
Eine besondere Lektion des Glaubens lernte er, als er – selbst bis auf die letzte halbe Krone herab verarmt – nachts zu einer hungernden Familie gerufen wurde. Innerlich ringend, gab er schließlich seine letzte Münze weg. Die Freude kehrte mit voller Kraft in sein Herz zurück, und am nächsten Morgen erhielt er überraschend Geld – für ihn ein „400-prozentiger“ Ertrag innerhalb von zwölf Stunden. Diese Erfahrung prägte sein Vertrauen, dass der Herr Gehorsam im Glauben nicht unbeantwortet lässt.
Während eines medizinischen Kurses in London infizierte er sich bei einer Sektion mit einer bösartigen Fieberkrankheit. Andere gaben ihn auf, doch in der Gewissheit seines Auftrags für China erwartete er die Bewahrung des Herrn – und wurde wiederhergestellt.
Erste Reise nach China
Hudson Taylors Bewerbung bei der „Chinese Evangelisation Society“ wurde angenommen, und so segelte er am 19. September 1853 im Alter von einundzwanzig Jahren von Liverpool nach Shanghai. Die Reise war gefährlich und lang. Einmal trieb das Schiff in der Nähe von Neuguinea unaufhaltsam auf Riffe zu; die Mannschaft war ratlos. Taylor schlug vor, die wenigen gläubigen Männer an Bord sollten sich in ihre Kabinen zurückziehen und gemeinsam um Wind bitten. Kurz nach seinem Gebet ging er wieder an Deck – und das Schiff hatte frischen Wind. Statt an den Riffen zu zerschellen, entkam man der Gefahr. Für Taylor war das ein weiterer Baustein seines Vertrauens auf das konkrete Eingreifen Gottes.
Nach mehr als fünf Monaten erreichte er am 1. März 1854 Shanghai. China befand sich in Unruhen, und bei jedem Aufstand waren die Leben der Ausländer bedroht. Für einen unabhängigen Missionar wie Taylor war die Wohnsituation schwierig; er musste mehrfach umziehen und erlebte Beschuss, Kälte, Hunger, Schlaflosigkeit und Einsamkeit. Doch nach den Berichten seiner Biographen blieb sein Glaube an Gottes Bewahrung unerschüttert.
Nach intensiven Sprachstudien begann er mit Traktatverteilung, dann mit Predigtreisen in der Umgebung von Shanghai und später im Küstengebiet um Ningpo. Die Chinesen nannten die Fremden „weiße Teufel“ oder „rot haarige Teufel“, und die kulturellen Barrieren waren hoch. Um diese zu überwinden, legte Taylor europäische Kleidung ab, ließ sich Zopf und chinesische Tracht geben und passte sich dem Lebensstil der Menschen an. Dieser Schritt, für Europa ungewohnt und teils befremdlich, öffnete ihm nach zeitgenössischen Berichten viele Türen.
1857 löste er sich von der Gesellschaft, die ihn ausgesandt hatte, weil ihre finanzielle Unterstützung zum Teil auf Schulden beruhte. Sein Gewissen ließ es nicht zu, auf diesem Weg versorgt zu werden. Er entschied, direkt im Glauben auf Gottes Versorgung zu leben. In seinem Wohnzimmer hingen zwei chinesische Schriftrollen mit bekannten biblischen Namen: „Ebenezer“ – „Bis hierher hat der Herr uns geholfen“, und „Jehova-Jireh“ – „Der Herr wird ersehen“.
Ehe, Leid und geistliches Wachstum
Am 20. Januar 1858 heiratete er Maria Dyer, eine junge Missionarin, die seine Last für China teilte. Sie wurden ein Team im Dienst und erhielten miteinander sechs Kinder, von denen drei früh starben – eine schwere Schule des Leidens.
In den Jahren vor seiner Heirat vertiefte sich Hudson Taylor besonders im Hohelied. Seine Briefe aus dieser Zeit zeigen ein wachsendes Verständnis von der innigen Gemeinschaft der Seele mit Christus. Später verfasste er unter dem Titel „Union and Communion“ eine erbauliche Auslegung des Hohelieds, in der der Satz vorkommt: Was wir sind, ist wichtiger als das, was wir tun. Er betonte damit, dass Dienst ohne innere Gemeinschaft mit Christus hohl bleibt.
Ab 1856 wirkte Taylor in Ningpo, übernahm 1859 die Verantwortung für ein Hospital und diente mehrere Jahre an der Küste. 1860 zwang ihn seine angeschlagene Gesundheit zur Rückkehr nach England. Dort setzte er seine medizinische Ausbildung fort und arbeitete an einer Übersetzung des Neuen Testaments in den Ningpo-Dialekt. In London schloss er sich einer baptistischen Gemeinde an und begann, für neue Mitarbeiter für China zu beten.
Ein Schlüsselpunkt war ein Tag in Brighton im Juni 1865: Tief bewegt von der geistlichen Not der unerreichten Gebiete im Landesinneren Chinas, schrieb er in seine Bibel: „Gebetet um 24 willige, tüchtige Arbeiter in Brighton, 25. Juni 1865.“ Kurz darauf eröffnete er mit zehn Pfund – und mit den Verheißungen Gottes – ein Konto für eine neue Missionsgesellschaft: die „China Inland Mission“.
Die China Inland Mission – Vertrauen ohne Sicherheiten
Die neue Mission unterschied sich deutlich von vielen bisherigen Werken. Wer sich anschloss, bekam keine vertraglichen Zusagen, kein festes Gehalt, keine Urlaubsgarantien. Die Mission sollte konfessionsübergreifend sein, und alle Mitarbeiter sollten im Landesinneren wohnen, chinesische Kleidung tragen, mit Stäbchen essen und sich so weit wie möglich der Kultur anpassen. Finanzielle Werbung wurde bewusst vermieden; man rechnete still mit Gott.
Am 26. Mai 1866 reiste Hudson Taylor mit Maria, ihren vier Kindern und sechzehn weiteren Personen auf dem Segelschiff „Lammermuir“ nach China – die erste Gruppe der China Inland Mission. Handwerker, Lehrerinnen, Gouvernanten, unverheiratete Frauen aus wohlhabenden Familien – sie alle machten sich auf zu einer Reise ins Ungewisse, getragen von der Überzeugung: Gottes Werk, in Gottes Weise getan, wird nach Taylors Überzeugung nie Mangel an Gottes Versorgung haben.
1866 entstanden die ersten Stationen im Inland. Bis 1895 war die Zahl der Mitarbeiter auf über 600 angewachsen, die in mehr als 120 Hauptstationen dienten. In den 1890er Jahren führte ein Aufruf für 1000 neue Arbeiter dazu, dass innerhalb weniger Jahre über 1000 neue Missionare nach China kamen – mehr als die Hälfte davon Frauen. Sie erreichten vor allem chinesische Frauen und Familien, die männlichen Missionaren verschlossen blieben.
Die „ausgetauschte“ Lebensweise und tiefe Prüfungen
Am 4. September 1869 erlebte Hudson Taylor, was er später als „ausgetauschtes Leben“ bezeichnete: Er erkannte nach eigener Aussage neu, dass nicht seine Anstrengung, sondern Christus in ihm der eigentliche Träger des Dienstes ist – „Gott hat mich zu einem neuen Menschen gemacht.“ Diese innere Befreiung trug ihn durch spätere Lasten.
1870 starb Maria im Alter von nur 33 Jahren, nach Jahren intensiven Dienstes und schweren gesundheitlichen Belastungen. Drei ihrer Kinder waren schon vor ihr heimgegangen. Hudson blieb mit den verbleibenden Kindern zurück. Die bewegende Schilderung ihrer letzten Stunden bei Dr. und Mrs. Howard Taylor zeigt beider feste Gewissheit, „nach Hause“ zu gehen und die Treue Jesu auch im Abschied.
1871 kehrte er nach England zurück und lernte auf der Rückreise die Missionarin Jennie Faulding näher kennen, die schon zur ersten Lammermuir-Gruppe gehört hatte und den Beinamen „Miss Happiness“ trug. Die beiden heirateten im November 1871 in London. 1872 kehrten sie zusammen nach China zurück. Hudson machte weite Evangelisationsreisen durchs Landesinnere, Jennie führte den Vorstoß der Frauenmissionarinnen bis in entlegene Regionen.
Einfluss über China hinaus
Das Wirken der China Inland Mission blieb nicht auf China beschränkt. In England unterstützte George Müller das Werk großzügig im Glauben. Der Evangelist F. B. Meyer wurde durch die berühmten „Cambridge Seven“ tief bewegt – eine Gruppe junger Akademiker, die unter dem Eindruck der Not Chinas zur China Inland Mission gingen. In Nordamerika musste Dwight L. Moody zusätzliche Versammlungen ansetzen, um dem Hunger der Studenten nach Taylors Botschaft gerecht zu werden. In Australien wurde Hudson Taylor als „berühmter Gast“ vorgestellt – er selbst korrigierte: Er sei nur der kleine Diener eines berühmten Meisters.
Theologisch stand Hudson Taylor mit anderen wie Robert Govett, R. C. Chapman, G. H. Pember, D. M. Panton und späteren Lehrern wie Watchman Nee in der Überzeugung, dass nicht alle Gläubigen die Drangsalszeit gleich erleben, sondern dass es Überwinder gibt, die der Herr zuvor zu sich nimmt. Auch darin zeigte sich sein Ernst, die Gemeinde zur Treue und Wachsamkeit zu rufen.
Die Boxerunruhen und der Weg ins Heim
Im Jahr 1900 erschütterte die Boxer-Rebellion China. Der Hass auf die „ausländischen Teufel“ entlud sich mit großer Gewalt. Unter den Mitarbeitern der China Inland Mission wurden 58 Missionare und 21 ihrer Kinder getötet. Insgesamt starben über 130 protestantische Missionare und mehr als 50 ihrer Kinder; nahezu 2000 chinesische Christen bezahlten ihren Glauben mit dem Leben. Hudson Taylor, der sich damals in London aufhielt, war durch diese Nachrichten zutiefst erschüttert.
1902 trat er von der Leitung der Mission zurück; die Führung übernahm Dixon E. Hoste, einer der Cambridge Seven. Hudson Taylor blieb der Mission verbunden, trat aber aus der ersten Reihe zurück.
Sein persönliches Leben war auch im Alter vom Wort Gottes geprägt. Er betonte, dass das Schwerste im Missionsdienst sei, regelmäßige, betende Bibellese zu bewahren – denn der Widersacher wisse immer etwas zu finden, womit man sich beschäftigen könne, „wenn es auch nur ist, einen Fensterladen zu richten“. Mit über siebzig Jahren berichtete er, er habe soeben zum vierzigsten Mal in vierzig Jahren die Bibel ganz durchgelesen – und die Aussage stand im Raum: Er habe sie nicht nur gelesen, sondern auch gelebt.
Am 30. Juli 1904 starb seine zweite Frau Jennie an Krebs in der Schweiz. 1905 reiste der über siebzigjährige Hudson Taylor zum elften und letzten Mal nach China. In einem seiner letzten Gespräche betonte er gegenüber einem Arztfreund, es gäbe nichts Kleines und nichts Großes – nur Gott sei groß, und Ihm dürfe man alles bringen.
Am 3. Juni 1905 entschlief er in Hunan im Alter von 73 Jahren. Seine letzten überlieferten Worte lauteten: Er sei so schwach, dass er seine Bibel nicht mehr lesen könne, er könne nicht einmal mehr beten; er könne nur in Gottes Armen liegen wie ein kleines Kind und Ihm vertrauen. Er wurde in Zhenjiang beigesetzt, neben seiner ersten Frau Maria und vier ihrer Kinder. Auf seinem Grabstein steht: „Ein Mensch in Christus.“
Vermächtnis für die evangelikale Welt
Hudson Taylor hinterließ nicht nur eine große Missionsorganisation, sondern vor allem ein geistliches Erbe. Einige seiner bekannten Aussprüche fassen seine Haltung zusammen:
- Was wir sind, ist wichtiger als das, was wir tun.
- Man kann sich darauf verlassen: Gottes Werk, in Gottes Weise getan, wird niemals Gottes Versorgung entbehren.
- Alle „Riesen Gottes“ waren schwache Menschen, die mit Gottes Gegenwart rechneten. Sie bauten auf Gottes Treue.
Inmitten der evangelikalen Bewegung des 19. Jahrhunderts steht Hudson Taylor für einen nüchternen, von Gebet getragenen Glauben, der praktische Konsequenzen zieht: Sparsamkeit, Einfachheit, kulturelle Anpassung, Bereitschaft zum Leiden, Vertrauen auf Gottes Zusagen. Sein Leben zeigt, wie der Herr durch einen Menschen, der sich Ihm vorbehaltlos überlässt, eine Bewegung entzünden kann, deren Wirkungen weit in das 20. Jahrhundert reichen.