Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

Dwight Lyman Moody (1837-1899)

12 Min. Lesezeit

Ein junger Mann mit wenig Schulbildung – und großer Hingabe

Dwight Lyman Moody wurde am 5. Februar 1837 in Northfield, Massachusetts, geboren – als sechstes von sieben Kindern. Sein Vater starb, als Dwight vier Jahre alt war. Die Familie war arm, und der Junge wurde auf dem Bauernhof gebraucht; eine regelmäßige Schulbildung war kaum möglich. Die Folgen spürte er lebenslang: Er buchstabierte schlecht, sein Englisch war oft ungrammatisch, seine Stimme galt nicht als besonders angenehm.

Mancher hätte darin Grund gesehen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Einmal sagte jemand zu ihm: „Sie sollten nicht öffentlich sprechen, Sie machen zu viele Fehler in der Grammatik.“ Moody antwortete nüchtern: Er wisse um seine Mängel, aber er tue das Beste mit dem, was er habe – und fügte dem Kritiker hinzu, dieser habe genug Bildung: „Was tun Sie damit für Jesus?“ Diese Haltung kennzeichnete sein Leben: nicht beeindruckend in menschlichen Maßstäben, aber entschlossen, das Wenige, was er hatte, ganz dem Herrn zur Verfügung zu stellen.

Zeitgenössische Beobachter sahen in Moody einen der großen Evangelisten des 19. Jahrhunderts. Schätzungen zufolge verkündigte er weit über tausend Versammlungen hinweg gewaltigen Zuhörermengen das Evangelium – ohne Mikrofon, Radio oder Fernsehen – und viele Menschen kamen durch seinen Dienst zum Glauben an Christus. Die häufig genannten Zahlen von „über hundert Millionen Hörern“ und „mehr als eine Million Bekehrungen“ sind nicht genau überprüfbar, machen aber deutlich, wie groß der wahrgenommene Einfluss seines Wirkens war.

Bekehrung im Schuhgeschäft

Mit siebzehn zog Moody nach Boston. Sein Onkel Samuel Holton gab ihm eine Stelle in seinem Schuhgeschäft – unter der Bedingung, dass der Neffe regelmäßig die Sonntagsschule und die Zusammenkünfte der Gemeinde besuche. Diese Bedingung wurde zum Wendepunkt seines Lebens.

Sein Sonntagsschullehrer Edward Kimball rang innerlich darum, mit dem jungen Moody über seine Seele zu sprechen. Er schilderte später, wie er mehrmals zögerte, bevor er schließlich in den Laden ging. Hinten im Geschäft, zwischen Schuhkartons, legte er dem jungen Verkäufer die Liebe Christi ans Herz: Christus liebe ihn und suche seine Antwort der Liebe. Dort, im hinteren Teil des Schuhladens, gab Dwight L. Moody sich und sein Leben dem Herrn Jesus hin (21. April 1855).

Vierzig Jahre später blickte Moody in Boston auf diesen Tag zurück. Er erzählte, wie er damals nach seiner Entscheidung aus dem Haus trat und ihm schien, die Sonne leuchte heller, die Vögel auf dem Boston Common sängen für ihn, und er sei plötzlich mit der ganzen Schöpfung versöhnt. Er spürte: Der Hass war verschwunden, er hatte kein bitteres Gefühl mehr gegen irgendjemanden. Für ihn war das ein Zeichen des neuen Lebens, von dem die Schrift sagt, dass Gottes Liebe in unsere Herzen ausgegossen ist.

Vom Erfolgswunsch zum Vollzeitdienst

1856 zog Moody nach Chicago. Er arbeitete als Schuhverkäufer und träumte von Reichtum. Er schloss sich der Plymouth Congregational Church an und begann, andere in die Zusammenkünfte mitzunehmen. Er mietete mehrere Bänke und füllte sie mit jungen Männern von der Straße – aber zunächst, ohne mit ihnen persönlich über ihre Seele zu sprechen; das überließ er den Ältesten.

Schon bald begann er mit einer kleinen Sonntagsschule in einem Missionswerk in einem Elendsviertel der Stadt. Da es mehr Lehrer als Kinder gab, sagte man ihm: Wenn er eigene Schüler heranbringen könne, sei er willkommen. Am folgenden Sonntag erschien Moody mit achtzehn zerlumpten Kindern – und verdoppelte damit die Schule. Bald platzte der Raum aus allen Nähten; um 1859 kamen bis zu eintausend Kinder.

Äußerlich war das beeindruckend. Innerlich blieb Moody unzufrieden: Es geschahen kaum Bekehrungen. Gott gebrauchte eine kleine Mädchenklasse, deren Lehrer schwer erkrankte, um Moody die Augen zu öffnen. Der Lehrer klagte, er habe seine Mädchen nie zu Christus geführt und fürchte, er habe eher Schaden angerichtet. Moody schlug vor, sie gemeinsam zu besuchen. Zehn Tage lang gingen sie von Haus zu Haus. Der Lehrer sprach mit den Mädchen, Moody betete. Nach und nach fanden die jungen Frauen zum Glauben. Am Ende konnte der Lehrer bezeugen: „Die letzte aus meiner Klasse hat sich Christus übergeben.“

Als die Klasse für ihn eine Abschiedsgebetsstunde hielt, entzündete Gott in Moody ein inneres Feuer, das sein Leben veränderte. Sein Traum, ein erfolgreicher Kaufmann zu werden, verlor seinen Glanz. Er sagte später, er sei danach „für das Geschäft disqualifiziert“ gewesen; er habe einen Vorgeschmack der ewigen Welt bekommen und kein Interesse mehr am Geldverdienen gehabt. Nach einem inneren Ringen gab er um 1860 seine kaufmännische Tätigkeit auf und wurde Vollzeitarbeiter im Dienst des Herrn – ohne festes Gehalt, im Vertrauen auf Gottes Versorgung. In Chicago nannte man ihn damals spöttisch „Crazy Moody“.

Ein Evangelist in den Umbrüchen seiner Zeit

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs weitete sich Moodys Dienst. Er diente Soldaten, gewann an Freimut im öffentlichen Reden und lernte, Einzelne seelsorgerlich zu begleiten. Aus der Sonntagsschularbeit entstand nach und nach die Illinois Street Independent Church, eine freie Gemeinde für Menschen, die in den bestehenden Denominationen keine Heimat fanden.

1862 heiratete Moody Emma Revell, eine Engländerin mit Hugenottenwurzeln. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter und führten ein herzliches Familienleben, das ihm Rückhalt inmitten des rastlosen Dienstes gab.

1867 reiste Moody mit seiner Frau erstmals nach Großbritannien, auch aus gesundheitlichen Gründen, da sie an Asthma litt. In London hörte er Charles Haddon Spurgeon im Metropolitan Tabernacle predigen. Er begegnete John Nelson Darby und George Müller; besonders Müller, der Mann des Glaubens und des Gebets, prägte ihn. In Dublin begegnete er dem früheren Taschendieb Harry Moorhouse, der ihn lehrte, das Evangelium stärker von der Liebe Gottes her zu verkündigen. Moorhouse predigte wiederholt über Johannes 3:16 und zeigte von 1. Mose bis Offenbarung den Faden der göttlichen Liebe und des Erlösungsplans. Moody bekannte, er habe nie zuvor so verstanden, wie sehr Gott die Menschen liebt, und änderte seine Weise zu predigen: Statt vor allem Gottes Hass gegen die Sünde zu betonen, hob er nun Gottes Liebe zu verlorenen Sündern hervor.

1870 gewann er Ira D. Sankey als Sänger und musikalischen Leiter. So entstand das Gespann „Moody und Sankey“: Sankey sang und führte die Versammlung im Gemeindegesang, Moody verkündigte das Evangelium. Lied und Wort ergänzten sich und öffneten vielen das Herz.

Feuerprobe und Erfüllung mit dem Geist

Im Oktober 1871 legte der Große Brand von Chicago die Stadt in Schutt und Asche – auch Moodys Haus und die Gebäude seiner Arbeit verbrannten. Die Familie fand Unterkunft bei dem Anwalt und späteren Liederdichter Horatio Spafford, der nach dem Tod seiner vier Töchter auf See das Lied „It is well with my soul“ schrieb.

Am Abend vor dem Brand hatte Moody seine Zuhörer gebeten, eine Woche über ihre Entscheidung für Christus nachzudenken. Später sagte er, er habe nie wieder gewagt, einer Versammlung so viel Zeit zu geben: Menschen, die noch in ihren Sünden stürben, könnten am Tag des Gerichts gegen ihn zeugen. Die Katastrophe schärfte seine Dringlichkeit im Evangelium.

Im folgenden Winter reiste Moody nach New York, um Mittel zum Wiederaufbau zu sammeln. Dort erlebte er eine tiefgehende geistliche Erfahrung, die er als Erfüllung mit dem Heiligen Geist beschrieb. Er berichtete, wie er Gott inständig bat, Ihn mit Seinem Geist zu erfüllen. Eines Tages – er vermochte es kaum in Worte zu fassen – erlebte er eine überwältigende Offenbarung der Liebe Gottes, so stark, dass er Gott bat, Seine Hand zurückzuhalten. Als er danach wieder predigte, waren seine Botschaften sachlich kaum anders; er brachte keine neuen Wahrheiten. Und doch wurden nun Hunderte bekehrt. Er sagte, er würde diesen Zustand für keinen Reichtum der Welt eintauschen. Gleichzeitig gibt es keine Hinweise, dass Moody in Sprachen sprach; seine Betonung lag auf innerer Kraft und Liebe zum Dienst, nicht auf außergewöhnlichen Gaben.

Erweckung in Großbritannien und transatlantischer Einfluss

1872 kehrte Moody nach Großbritannien zurück. Ein Londoner Pastor bat ihn zu predigen; innerhalb von zwei Wochen wurden nach zeitgenössischen Angaben etwa 400 Menschen in dieser Gemeinde hinzugefügt. In Dublin begegnete er dem einfachen Evangelisten Henry Varley, einem früheren Metzger. Varleys Satz prägte Moody tief: Die Welt habe noch nicht gesehen, was Gott mit einem Menschen tun werde, der Ihm ganz und gar geweiht ist. Moody nahm diesen Satz für sich auf und weihte sich neu, ganz Gott zur Verfügung zu stehen.

Ein Jahr später reisten Moody und Sankey erneut nach England. In Liverpool musste Moody feststellen, dass zwei der drei einflussreichen Männer, die ihn ursprünglich eingeladen hatten, verstorben waren und der dritte nicht mit seiner Ankunft rechnete. Doch Gott öffnete andere Türen: Mit einem Empfehlungsschreiben der YMCA in York begannen sie eine ungeplante Evangelisationskampagne, die zu einem Segen wurde. In York wurde unter anderem der junge Pastor F. B. Meyer nachhaltig geprägt.

Von York aus zog die Bewegung über Sunderland und Newcastle nach Schottland. 1874 wurde besonders Edinburgh von einer geistlichen Erschütterung erfasst. Moody entwickelte dabei den sogenannten „Anfrage- oder Seelsorgeraum“: Nach der Predigt konnten Menschen, die berührt waren, bleiben, um mit geschulten Mitarbeitern persönlich zu sprechen und im Gebet Hilfe zu finden. Dieses seelsorgerliche Nacharbeiten wurde zu einem Markenzeichen seiner Arbeit.

Der Höhepunkt der britischen Kampagnen war London im Frühjahr und Sommer 1875. Tausende kamen zusammen; bekannte Persönlichkeiten, darunter Edward Studd, der Vater des späteren Missionars C. T. Studd, wurden in diesen Versammlungen gerettet. Studds Bekehrung führte dazu, dass er seine weltlichen Vergnügungen hinter sich ließ und sich mit Leidenschaft dem Gewinnen von Seelen widmete. So wurde Moody auf indirekte Weise zum Wegbereiter für Menschen, die später die Weltmission nachhaltig beeinflussten.

Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten führte Moody große Evangelisationskampagnen in Metropolen wie New York, Philadelphia, Chicago und Boston durch. In den 1880er Jahren kehrten Moody und Sankey noch einmal für mehrere Jahre nach Großbritannien zurück. In Cambridge führte eine Reihe von Versammlungen dazu, dass sieben junge Männer von standesbewusstem Hintergrund – später als „Cambridge Seven“ bekannt – ihre aussichtsreichen Karrieren aufgaben und 1885 als Missionare nach China ausreisten. Unter ihnen war C. T. Studd. So wirkte Moody als Katalysator für eine neue Missionsgeneration.

Schulen für Herz und Verstand: Northfield und Moody Bible Institute

Moody war überzeugt, dass das Evangelium nicht nur Herzen verändern, sondern auch Menschen zurüsten müsse. 1879 gründete er in seinem Heimatort Northfield eine Schule für Mädchen, 1881 folgte Mount Hermon, eine Schule für Jungen. Beide Einrichtungen verbanden Erziehung mit geistlicher Prägung.

1886 entstand das Moody Bible Institute in Chicago, mit R. A. Torrey als einem der prägenden Leiter der Anfangszeit. Ziel war, Männer und Frauen praktisch für den Dienst am Evangelium auszubilden – mit Schwerpunkt auf Bibelkenntnis, persönlicher Evangelisation und einfacher, klarer Verkündigung. Damit schuf Moody eine Ausbildungsstätte, die weit über sein eigenes Leben hinaus wirkte und vielen Evangelikalen der folgenden Generationen Orientierung gab.

Gebet, Evangelisation und das Gewicht der Hingabe

Warum gebrauchte Gott einen einfachen Mann mit schwacher Schulbildung so bemerkenswert? Die zeitgenössischen Beobachtungen nennen mehrere Faktoren.

Erstens suchte Moody, ganz Gott zur Verfügung zu stehen. Varleys Satz von dem „völlig geweihten Mann“ war für ihn keine fromme Parole, sondern ein Lebensprogramm. Seine Entscheidungen – etwa der Verzicht auf ein gesichertes Geschäftsleben zugunsten eines Glaubensdienstes – zeigen diese Hingabe in der Praxis.

Zweitens war er ein Mensch der täglichen Evangelisation. Berichte erzählen, dass er sich vornahm, jedem Tag wenigstens einem Menschen das Evangelium zu sagen. Eines Nachts nahe Mitternacht fiel ihm ein, dass er an diesem Tag noch niemanden angesprochen hatte. Er ging wieder auf die Straße, begegnete einem Polizisten und ermahnte ihn, an den Herrn Jesus zu glauben. Der Polizist wies ihn schroff ab, doch einige Tage später kam derselbe Mann zum Glauben. Solche Gewohnheiten formten Moody zu einem unermüdlichen „Hirten von draußen“, der auch außerhalb „geistlicher Räume“ nach den Verlorenen suchte.

Drittens war er ein Mann des Gebets. Er soll einmal gesagt haben, er wäre lieber fähig zu beten als ein großer Prediger; Christus habe die Jünger nie gelehrt, wie man predigt, aber wie man betet. Es wird berichtet, dass er im Laufe seines Dienstes mit Hunderttausenden persönlich sprach und mit vielen von ihnen betete. Für ihn war Gebet keine fromme Zutat, sondern die eigentliche Kraftquelle allen Dienstes.

Viertens war Moody ein bibelzentrierter Prediger. Unter dem Einfluss von Harry Moorhouse lernte er, die Schrift selbst sprechen zu lassen, statt hauptsächlich eigene Gedanken zu entwickeln. Er predigte einfache, klare Botschaften, reich an Bibelversen, und wurde dabei zum Werkzeug, durch das der Heilige Geist viele überführte und zu Christus zog.

Ein erfülltes Leben und ein triumphaler Abschied

Trotz zunehmender Herzprobleme reiste Moody bis ins hohe Alter unermüdlich. Im November 1899 brach er während einer Evangelisation in Kansas City zusammen. Er kehrte nach Northfield zurück, wo er am 22. Dezember 1899 im Alter von 61 Jahren heimgerufen wurde.

Zeugen berichten, dass er im Angesicht des Todes voller Freude und Erwartung war. Einer seiner letzten Aussprüche lautete: „Dies ist mein Triumph; dies ist mein Krönungstag! Ich habe mich jahrelang darauf gefreut.“ Diese Haltung erinnert an die Worte des Paulus:

Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; fortan liegt für mich bereit der Kranz der Gerechtigkeit, den der Herr, der gerechte Richter, mir an jenem Tag geben wird. (2. Tim. 4:7–8)

Moody sah das Ende seines irdischen Laufs nicht als Tragödie, sondern als Vollendung – als Übergang zur vollen Gemeinschaft mit dem Herrn, dem er sein einfaches, aber hingegebenes Leben geweiht hatte.

Bedeutung für die evangelikale Bewegung

In der Phase der Evangelikalen zwischen 18. und 20. Jahrhundert steht Moody exemplarisch für mehrere Merkmale:

  • Einfache, bibeltreue Evangelisation: Er verkündigte ein klares Evangelium und vertraute auf die Macht des Wortes Gottes.
  • Transatlantischer Einfluss: Seine Kampagnen in Amerika und Großbritannien verbanden evangelikale Kreise diesseits und jenseits des Atlantiks.
  • Laienbewegung und Paragemeindearbeit: Seine Sonntagsschulen, Missionsstationen und später das Moody Bible Institute stehen für eine Arbeit neben, aber nicht gegen die bestehenden Kirchen, mit starker Betonung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen.
  • Betonung von Bekehrungserfahrung und Heiligung: Persönliche Entscheidung für Christus, bewusstes Leben im Glauben und Hingabe an den Herrn wurden Kernpunkte seiner Botschaft.

Dwight L. Moody zeigt, wie Gott sich eines scheinbar unscheinbaren Lebens bedienen kann, wenn es Ihm ehrlich zur Verfügung gestellt wird. Seine Biografie ermutigt bis heute, Begrenzungen nicht als Ausrede zu benutzen, sondern als Bühne, auf der Gottes Kraft in Schwachheit groß werden kann.

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