Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

Charles Thomas Studd (1860-1931)

12 Min. Lesezeit

Ein junger Mann zwischen Cricketfeld und Ewigkeit

Als Charles Thomas Studd am 2. Dezember 1860 geboren wurde, schien sein Lebensweg vorgezeichnet: privilegierte Herkunft, sportliche Karriere, gesellschaftliche Ehren. Sein Vater Edward war als Pflanzer in Indien reich geworden und hatte ein großes Anwesen in Wiltshire erworben. Die Studds bewegten sich in der Oberschicht, liebten Pferderennen, Jagd, Theater und gesellschaftliche Bälle.

Doch mitten in dieser Welt der Privilegien griff Gott ein. 1875 besuchte Edward auf Einladung eines Freundes Evangelisationsversammlungen von Dwight L. Moody – und kam zum Glauben. Er ging anschließend zu Moody und fragte ehrlich, was sich nun in seinem Leben ändern müsse. Moody antwortete ihm geradeheraus, vor allem im Blick auf das mit Wetten verbundene Pferderennen. Zugleich betonte er, dass Gott ihm Menschen anvertrauen werde, denen er das Evangelium weitergeben dürfe – und dass dann die alten Vergnügungen von selbst an Bedeutung verlieren würden.

So wird berichtet, dass Edward nach seiner Bekehrung tatsächlich das Interesse an den bisherigen Vergnügungen verlor. Nur eines war ihm noch wichtig: Menschen zu Christus zu führen. Er hatte nur noch zwei Jahre zu leben; bei seiner Beerdigung hieß es, er habe in diesen zwei Jahren mehr getan als viele Christen in zwanzig – eine Formulierung, die die Zeitgenossen als Ausdruck ihrer Hochachtung verstanden.

Ein Jahr nach der Bekehrung des Vaters kam es im Sommer auf dem Familiengut auch bei den drei ältesten Söhnen – darunter dem jungen Charles – zu einer bewussten Hinwendung zu Christus. Ein Gast im Haus, Mr. Weatherby, führte sie zum Glauben. C. T. erinnerte sich später an seine Kindheit: Man sei zwar regelmäßig in die Kirche gegangen und habe eine Art Religion gehabt, aber sie sei wie ein lästiger Zahnschmerz gewesen – etwas, das man am liebsten hinter sich brachte. Nun wurde aus dieser formalen Religiosität ein persönlicher Glaube.

Verlorene Jahre und erneute Hingabe

Trotz dieser frühen Bekehrung begann nicht sofort ein konsequentes Leben in der Nachfolge. Der begabte junge Mann entwickelte sich zu einem der bekanntesten Cricketer seiner Zeit, spielte für Cambridge und England und genoss Ruhm und Anerkennung.

Später bezeugte Studd offen, dass er geistlich in eine schwere Flaute geraten war. Er sagte, er habe es unterlassen, anderen von der Liebe Christi zu erzählen und das Evangelium für sich behalten. Die Folge: Die Liebe zu Christus wurde schwächer, die Liebe zur Welt wuchs. Sechs Jahre lang, so beschreibt er es, lebte er in einem „unglücklichen, zurückgefallenen Zustand“.

Entscheidend wurde für ihn die Erfahrung, erstmals einen Menschen zu Christus zu führen. Er sagte, er habe fast alle Freuden dieser Welt gekannt, doch nichts sei mit der Freude zu vergleichen, wenn eine Seele gerettet werde. Von da an sah er sein geliebtes Cricket mit neuen Augen: Er erkannte, dass Ruhm und Sport nicht bleiben, während das Heil von Menschen und das kommende Reich Gottes ewigen Wert haben.

Diese innere Wende führte zu einer existentiellen Frage: Wie sollte er sein Leben einsetzen? Nach seinem Abschluss in Cambridge 1884 suchte er intensiv die Führung Gottes. Er verbrachte Monate im Gebet und Bibelstudium. Zunächst begann er, für den Anwaltsberuf zu studieren, spürte aber, dass es für ihn nicht mehr passte. Er empfand, dass Gott ihm materiell genug gegeben hatte, um nicht für seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen. Er fragte sich, wie er die besten Jahre seines Lebens für sich selbst und für irdische Ehren einsetzen konnte, während gleichzeitig unzählige Menschen sterben, ohne je von Christus gehört zu haben.

Geholfen haben ihm in dieser Zeit geistliche Schriften, die die ganze Hingabe an den Herrn und ein Leben des Vertrauens beschrieben. Unter dem Eindruck eines Weihe-Liedes betete er: „Nimm mein Leben, und lass es Dir geweiht sein.“ Dieses Gebet war für ihn nicht poetische Frömmigkeit, sondern ein konkretes Versprechen.

Die Cambridge Seven – Jugend und Ruf nach China

Aus dieser inneren Auseinandersetzung erwuchs die Bereitschaft, als Missionar nach China zu gehen. C. T. Studd wurde einer der bekannten „Cambridge Seven“, jener Gruppe junger, zum Teil prominenter Studenten, die sich dem Missionswerk von Hudson Taylor anschlossen. Ihre öffentliche Zeugenschaft und ihr Abschied in die Fremde bewegten viele Christen in England und darüber hinaus. F. B. Meyer, ein angesehener Prediger, war tief beeindruckt von diesen jungen Männern. Er schrieb später, er habe bei ihnen etwas gesehen, das ihm selbst fehlte – eine Quelle von Ruhe, Kraft und Freude in ihrem Inneren.

Ein Gespräch mit Studd wurde für Meyer zu einem Wendepunkt. Er staunte über Studds frühes Aufstehen, um Zeit mit dem Herrn zu haben, und über dessen ganz konkrete Ernsthaftigkeit, die Gebote Christi in der Bibel durchzugehen und sich zu fragen, ob er sie wirklich befolge. Als Meyer fragte, wie er selbst so werden könne, wies Studd ihn darauf hin, sich Christus ganz bewusst und konkret zur Verfügung zu stellen. Meyer rang damit, aber er bezeugte später, dass der Herr ihm schließlich das nahm, was sein Leben innerlich aufgezehrt hatte, und Ihn Selbst an seine Stelle setzte.

1885 reisten die Cambridge Seven nach China. Dem Grundsatz der China-Inland-Mission folgend, kleideten sie sich wie Chinesen, trugen Zopf und lange Gewänder und teilten – soweit möglich – das harte Leben im Landesinneren. Auf ihren Reiserouten zu Fuß, per Maultier oder Hausboot erlebten sie sowohl Leid als auch die Nähe des Herrn. Studd berichtete von einem Marsch, bei dem jeder Schritt war, als steche ein Messer in seine Füße – und doch fühlte er die Gegenwart Christi besonders nahe; schließlich wurden seine Füße wieder gesund.

Der reiche junge Mann – ein Erbe wird verschenkt

Ein entscheidender Schritt in Studds Leben war der Umgang mit seinem Erbe. Nach dem Testament seines Vaters sollte er mit 25 Jahren eine beträchtliche Summe erhalten – rund 29.000 Pfund, in einer Zeit, in der ein guter Facharbeiter etwa 100 Pfund im Jahr verdiente. In dieser Situation las Studd die Geschichte vom reichen jungen Mann, zu dem Jesus sagte, er solle alles verkaufen, den Armen geben und Ihm nachfolgen (Matthäus 19:21).

Studd verstand diese Worte ganz persönlich. Er sah in ihnen nicht nur ein Wort an einen Menschen vor zweitausend Jahren, sondern einen Ruf Christi an ihn selbst. Er wollte nicht die traurige Geschichte des reichen jungen Mannes wiederholen, der zwar die Wahrheit hörte, aber an seinem Besitz hing.

Er berichtete, wie Gott ihn in dieser Frage beim Lesen der Evangelien innerlich überführte und wieder an seine früheren Gelübde erinnerte. Als dann Briefe des Anwalts und des Bankiers eintrafen, in denen die genaue Höhe seines Erbes mitgeteilt wurde, war für ihn klar, wie er handeln müsse: Er ließ in China Vollmachten aufsetzen, um über sein Vermögen verfügen zu können, und gab das Geld für das Werk des Herrn und für die Armen. Den größten Teil verschenkte er bereits im Juni 1887, weitere Beträge folgten, als die endgültige Summe feststand.

Als er heiratete, übergab er den verbliebenen Rest – einige tausend Pfund – seiner Braut, der Missionarin Priscilla Stewart. Doch sie erinnerte ihn an das Wort Jesu an den reichen jungen Mann: „Verkauf alles.“ Gemeinsam beschlossen sie, „klar mit dem Herrn zu beginnen“ – und sie gaben auch diese Summe weg, bis nur noch fünf Dollar und etwas Bettzeug übrig waren. Sie entschieden sich, bewusst auf den Herrn zu vertrauen. In späteren Berichten heißt es, dass weder sie noch ihre Kinder je an den notwendigen Lebensgrundlagen Mangel hatten.

Studd verwies gern auf die Verheißung vom hundertfältigen Lohn für das, was man um Christi willen aufgibt (Markus 10:29–30). Er kommentierte, hundertfacher Ertrag sei eine geradezu „wunderbare Prozentzahl“.

Harte Jahre in China – und Frucht trotz Widerstand

Die ersten Ehejahre der Studds in China waren von großer Härte geprägt. Aus Prinzip wollten sie an einen Ort gehen, wo noch keine Europäer lebten. Das bedeutete, dass es für sie kein normales Haus gab. Sie fanden schließlich Unterkunft in einem Haus, das als „spukend“ galt und deshalb zu haben war: nackte Kalkwände, unebener Ziegelboden, ein einfacher Feuerplatz in der Mitte, eine gemauerte Plattform als Bett. Die Matratze war lediglich eine dünne Baumwoll-Decke, die sie drei Jahre lang benutzten, bis sie von Skorpionen befallen war und entfernt werden musste.

Fünf Jahre lang ließen Nachbarn sie kaum einen Schritt vor die Tür, ohne sie mit Flüchen zu überhäufen. Vieles, was in der Stadt geschah, wurde den „ausländischen Teufeln“ angelastet. Und doch hielt das Ehepaar fest. Studd betrieb ein Opiumasyl für Süchtige, verkündigte das Evangelium und wartete geduldig. Schließlich, so die Überlieferung, durchbrach die Botschaft von Christus den Widerstand, und eine Reihe von Menschen im Umfeld kam zum Glauben.

Die vier Töchter des Ehepaares wurden in China geboren, ein fünftes Kind starb. Priscilla sah bei den Geburten keinen Arzt. 1893 erkrankte Studd schwer und entging nur knapp dem Tod. 1894 kehrte die Familie nach England zurück. In der Heimat war Studd mehrere Jahre tätig, hielt in den USA auf Einladung Moodys zahlreiche Vorträge an Colleges und machte auf die Notwendigkeit weltweiter Evangelisation aufmerksam.

Indien – ein Wunsch des Vaters wird Ruf Gottes

Studd trug eine besondere Last für Indien. Sein Vater hatte dort seine Reichtümer erworben und nach eigenem Verständnis auch das Evangelium kennengelernt – nun empfand der Sohn eine Verantwortung, das Evangelium dorthin zurückzutragen. Es wird berichtet, dass es der letzte Wunsch Edwards gewesen sei, dass die Familie dem Land, dem sie so viel verdankte, geistlich dienen möge.

So gingen Charles und Priscilla von 1900 bis 1906 nach Indien. Eine besondere Freude dieser Zeit war, dass alle ihre Töchter am gleichen Tag getauft wurden; im Garten wurde eigens ein Taufbecken ausgehoben. Unter den Zeugen dieser Feier war auch die Missionarin Amy Carmichael.

Doch Studds Gesundheit war weiterhin angegriffen. Schwere Asthmaanfälle machten den Dienst zunehmend schwierig, schließlich musste er mit seiner Familie nach England zurückkehren.

„Kannibalen brauchen Missionare“ – der Weg nach Afrika

Während eines Aufenthalts in England 1908 fiel Studd ein Aushang in Liverpool ins Auge: „Kannibalen brauchen Missionare“. Der halb scherzhaft klingende Satz traf ihn ins Herz. Er wurde auf die geistliche Not Afrikas aufmerksam.

1910, im Alter von 50 Jahren, brach er allein nach Afrika auf – gegen den Rat seiner Frau. Auf dem Schiff gewann er die Überzeugung, dass diese Reise nicht nur dem Sudan gelte, sondern dem „ganzen unerreichten Teil der Welt“. Aus dieser inneren Berufung heraus entstand später die „Heart of Africa Mission“, eine Missionsgesellschaft, die mancher wegen ihrer Kühnheit als ungewöhnlich oder gar „verrückt“ bezeichnete.

1913 kehrte Studd nach Afrika zurück, nun mit der Zustimmung seiner Frau, die aber gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, ihn zu begleiten. Er formulierte das Motto, das viele mit seinem Namen verbinden:

Wenn Jesus Christus Gott ist und für mich gestorben ist, kann kein Opfer zu groß sein, das ich für Ihn bringe.

Auf dem Weg schrieb er seiner Frau einen bewegenden Abschiedsbrief, in dem er sie daran erinnerte, dass sie ihr gemeinsames Leben begonnen hatten, indem sie alles für Gott riskierten – und dass sie auch so enden wollten, einander liebend, aber Christus noch mehr liebend.

Inmitten der afrikanischen Wälder sah Studd, wie das Evangelium Menschen veränderte, die aus sehr harten und gewalttätigen Verhältnissen kamen: ehemalige Kannibalen, Trunkenbolde, Diebe, Mörder, Ehebrecher und Lästerer bekannten ihre Sünden und fanden nach ihrem Zeugnis Vergebung. Einzelne berichteten bei Bußversammlungen von grausamen Taten aus ihrer Vergangenheit – und von der radikalen Umkehr zu Christus. Studd freute sich besonders darüber, Afrikaner als geistliche Leiter heranwachsen zu sehen. Täglich um 5 Uhr morgens versammelte er sich mit ihnen zum Gebet.

Zwischenzeitlich kehrte er 1914 nochmals nach England zurück, reiste aber 1916 erneut nach Afrika – ohne zu wissen, dass er seine Heimat nie wiedersehen würde. Zwölf Jahre lang war er von seiner Frau getrennt, bis sie ihn 1928 noch einmal für zwei Wochen in Afrika besuchen konnte. Ein Jahr später, 1929, starb Priscilla in England. Er selbst blieb in Afrika, dem Werk verpflichtet, das er als Gottes Auftrag für sein Leben ansah.

Ein Leben im Rückblick – und ein „Halleluja“ am Ende

Studd fasste sein Leben kurz vor seinem Tod selbst zusammen. Er sah nur wenige Dinge, über die er sich wirklich freuen konnte – aber diese waren für ihn entscheidend:

  • dass Gott ihn nach China gerufen hatte und er gegangen war, trotz großen Widerstands in der eigenen Familie;
  • dass er in der Frage seines Vermögens so gehandelt hatte, wie Christus es dem reichen jungen Mann geboten hatte;
  • dass er auf dem Schiff 1910 bewusst sein Leben für das Werk unter den unerreichten Völkern hingegeben hatte.

Er schrieb: Seine einzige Freude sei, dass er nie abgelehnt habe, wenn Gott ihm eine Aufgabe gegeben habe.

Sein Ende war im Dienst: Am Sonntag, den 12. Juli 1931, hielt er noch eine mehrstündige Versammlung für die afrikanischen Christen. Vier Tage später, am 16. Juli 1931, starb er im Alter von 70 Jahren. Als sein letztes Wort wird „Halleluja!“ überliefert.

Ein Satz aus seinem Mund fasst die Spannung seines Lebens zwischen Cricketfeld und Missionsfeld eindrücklich zusammen:

Wie könnte ich die besten Jahre meines Lebens dafür verwenden, die Ehren dieser Welt zu genießen, während Tausende von Seelen jeden Tag verlorengehen?

In der Geschichte der Evangelikalen steht Charles Thomas Studd als ein Mann, der nicht perfekt war, der Zeiten der Lauheit kannte und große körperliche Schwächen hatte – der aber am Ende sehr ernst machte mit dem Ruf Jesu zur Nachfolge. Sein Leben erinnert viele bis heute daran, dass Christsein mehr ist als Sonntagspflicht: Es ist eine Liebesantwort auf den, der Sein Leben für uns gegeben hat, und ein Ruf, auch die besten Jahre unseres eigenen Lebens in das zu investieren, was ewig bleibt.

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