Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760)
Ein junger Edelmann mit großer Bitte an Gott
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf wurde am 26. Mai 1700 in Dresden geboren. Sein Vater war sächsischer Graf und hoher Beamter, starb aber, als das Kind erst sechs Wochen alt war. Seine Mutter schrieb anlässlich seiner Geburt ein Gebet in ihre Bibel, in dem sie den „Vater der Barmherzigkeit“ bat, das Herz dieses Kindes zu lenken, dass kein Böses Macht über ihn gewinne und seine Füße fest im Wort Gottes stünden – dann werde er glücklich sein „für Zeit und Ewigkeit“.
Diese Bitte wurde nach dem Urteil vieler Beobachter in seinem Leben in bemerkenswerter Weise sichtbar. Nach der Wiederheirat seiner Mutter wuchs Zinzendorf vor allem bei seiner pietistisch geprägten Großmutter mütterlicherseits auf. Durch sie wurde er stark von lebendigem Glauben und persönlicher Christusfrömmigkeit geprägt. Vieles deutet darauf hin, dass er schon in jungen Jahren eine klare Hinwendung zu Christus erlebte.
Halle, Wittenberg und ein Senfkorn
1710 kam Zinzendorf nach Halle an die Schule von August Hermann Francke. Halle war ein Zentrum des Pietismus: Bibellesen, Gebet, Diakonie und Mission prägten das geistliche Klima. In diesem Umfeld formte Zinzendorf seine Mitschüler zu einer geistlichen Gemeinschaft, dem „Orden vom Senfkorn“. Die Mitglieder verpflichteten sich, Jesus Christus zu dienen und für die Bekehrung der Heiden zu arbeiten. Ihr Motto lautete: „Keiner von uns lebt sich selbst.“ – ein Satz, der sein Leben wie ein Leitstern begleiten sollte.
Sein Vormund und Onkel hatte jedoch andere Pläne. 1716 schickte er ihn nach Wittenberg, dem Zentrum der lutherischen Orthodoxie, um dort Jura zu studieren – eine Vorbereitung auf den Staatsdienst. Zinzendorf hätte lieber Theologie studiert, doch er fügte sich. 1719 schloss er seine Studien ab, absolvierte die damals üblichen Bildungsreisen und trat 1721 als Richter und Ratsmitglied in den Dienst des sächsischen Kurfürsten.
Ehe, Beruf und ein gekauftes Gut für Gott
1722 erhielt Zinzendorf sein Erbteil und kaufte ein großes Gut mit dem Dorf Berthelsdorf in der Oberlausitz. Im gleichen Jahr heiratete er die Gräfin Erdmuth Dorothea von Reuß. Zeitzeugen berichten, sie habe „kaum häusliche Ruhe oder Privatleben“ gekannt, weil sie vom frühen Morgen bis spät in die Nacht im Dienst an Brüdern und Schwestern stand, die zu ihr kamen. Zinzendorf und seine Frau waren, wie ein Biograph sagt, „ein Herz und eine Seele“ in ihrer Entschlossenheit, sich selbst, ihre Kinder, ihre Zeit und ihren Besitz ganz Christus und Seinem Dienst zu weihen. Zwölf Kinder wurden ihnen geboren, acht starben im Kindesalter – ein Leid, das die beiden tief prägte.
Auf diesem Gut sollte bald etwas entstehen, was weit über Sachsen hinaus Bedeutung bekommen sollte: eine Zuflucht für verfolgte Christen und eine neue Form von gelebter Gemeinde.
Verfolgte aus Böhmen und Mähren finden eine Heimat
Christian David, ein mährischer Zimmermann, war durch die Predigt eines deutschen Pietisten namens Schäfer zum Glauben gekommen. Er kehrte nach Mähren zurück und predigte dort das Evangelium. Viele hörten ihn, und „vergessene Wahrheiten der Vergangenheit“ wurden in manchen Herzen neu lebendig.
Die Menschen, die durch Davids Dienst zum Glauben kamen, standen in der Tradition der alten Böhmischen und Mährischen Brüder – Nachkommen der Anhänger von Jan Hus, die der römischen Kirche nie vollständig gewichen waren. Im Zuge der Gegenreformation waren sie erneut hart verfolgt worden. Viele mussten ihre Heimat verlassen oder im Verborgenen leben.
Einige der neu Erweckten wandten sich an Schäfer, ob es irgendwo in Sachsen eine Zuflucht geben könne. Durch Schäfer lernte Christian David Zinzendorf kennen. Als Zinzendorf von ihrem Elend hörte, gab er David die Erlaubnis, „einigen der Verfolgten zu gestatten, sich auf seinem Gut niederzulassen“.
So begann David 1722 mit einigen Gefährten nahe Berthelsdorf Hütten zu bauen. Der neue Ort erhielt den Namen „Herrnhut“ – „des Herrn Hut“ oder „des Herrn Wache“. Nach und nach kamen mehr Flüchtlinge: Bald lebten über 300 Menschen in dieser entstehenden Siedlung.
Streit und Zerbruch – und der Weg zur Einheit
Mit der wachsenden Zahl der Bewohner wuchs auch die Vielfalt. Neben mährischen Brüdern fanden sich Lutheraner, Reformierte, Calvinisten, Dissenter, Böhmische Brüder, Schwenkfeldianer, Pietisten und andere ein. Unterschiedliche Traditionen und Überzeugungen lagen dicht nebeneinander. Es war absehbar, dass es zu Spannungen kommen würde – und so geschah es: „bittere Streitigkeiten“ brachen aus.
Zinzendorf blieb das nicht gleichgültig. Er zog von Haus zu Haus, betete mit den Familien und suchte das persönliche Gespräch. Am 12. Mai 1727 versammelte er alle Brüder und Schwestern und sprach über „die Einheit des Leibes Christi“ und „das Übel der Spaltungen“. A. G. Spangenberg berichtet, dass der Graf an diesem Tag „einen Bund mit dem Volk“ schloss, im Angesicht Gottes.
Die Brüder verpflichteten sich einzeln, „ganz dem Heiland zu gehören“. Sie schämten sich ihrer religiösen Streitigkeiten und waren bereit, sie zu begraben. Sie verzichteten ehrlich auf Selbstliebe, Eigenwillen, Ungehorsam und ungebundenes Räsonnieren. Sie wollten „arm im Geist“ werden, keiner suchte Vorrang, jeder wollte vom Heiligen Geist belehrt werden. Spangenberg beschreibt, dass sie nicht nur überzeugt, sondern „hinweggetragen und überwältigt wurden durch die wirkende Gnade unseres Herrn Jesus Christus“.
Nur wenige Monate später, am 13. August 1727, versammelten sie sich auf Zinzendorfs Ruf hin zum Mahl des Herrn. Während dieser Versammlung erlebte die Gemeinschaft nach übereinstimmenden Berichten eine tiefgehende Ausgießung des Heiligen Geistes. Für die Herrnhuter Brüdergemeine gilt dieses Datum bis heute als eine Art geistlicher „Geburtstag“.
Am 27. August desselben Jahres begann eine besondere Gebetsübung: 24 Brüder und 24 Schwestern übernahmen im Wechsel je eine Stunde Gebetswache, sodass Tag und Nacht ununterbrochen für Gemeinde, Welt und Mission gebetet wurde. Diese „stündliche Fürbitte“ wurde der Überlieferung nach mehr als 100 Jahre lang ohne Unterbrechung fortgesetzt.
Für viele Christen bis heute ist Herrnhut ein Bild dafür, wie Buße, gegenseitige Vergebung, gelebte Einheit und anhaltendes Gebet zusammenkommen und ein neues Maß geistlicher Kraft freisetzen.
Geordnetes Gemeindeleben: Bänder, Mahl und Liebesmahl
Zinzendorf war kein Theoretiker, sondern ein Mann der praktischen Ordnung. In Herrnhut wurde die Gemeinschaft in „Bänder“ eingeteilt – kleine Gruppen nach Alter, Geschlecht und Familienstand. Dort traf man sich zu Gebet, Austausch, gegenseitiger Ermahnung und zur Regelung praktischer Fragen des Zusammenlebens.
Der Tagesrhythmus war von Wort und Gebet durchzogen. Dreimal täglich, um 4 Uhr morgens (im Winter um 5 Uhr), um 8 Uhr und um 20 Uhr, versammelte sich die ganze Gemeinschaft zum Bibellesen und Singen. Hinzu kamen die Zusammenkünfte zum Mahl des Herrn. Zinzendorf führte zudem das neutestamentliche „Liebesmahl“ wieder ein: eine einfache Mahlgemeinschaft, in der Essen, geistliche Gemeinschaft und gegenseitige Ermutigung miteinander verbunden waren.
In all dem wurde eine Form von Gemeindeleben sichtbar, in der der Glaube nicht auf den Sonntag und die private Frömmigkeit beschränkt blieb, sondern den ganzen Alltag prägte.
Ein Graf wird Seelsorger – und Herausgeber von „Losungen“
1731 legte Zinzendorf seine staatlichen Ämter nieder, um sich ganz geistlicher Arbeit zu widmen. Die Herrnhuter Gemeinschaft war ihm zur Hauptaufgabe geworden. Bereits 1728 hatte er begonnen, täglich einen „Lehrtext“ aus der Bibel auszuwählen – eine „Losung“, die den Brüdern und Schwestern den Tag hindurch begleiten sollte. 1731 wurden diese „täglichen Losungen“ erstmals gedruckt.
Dieses einfache, schriftgebundene Tageswort hat sich bis heute gehalten: Noch immer ziehen Christen weltweit aus Herrnhut täglich einen alttestamentlichen Vers und einen dazu passenden neutestamentlichen Text als geistliche Wegweisung. Zinzendorf verband damit das Anliegen, dass Gottes Wort nicht nur in Predigten, sondern im Alltag präsent sein sollte.
Pioniere weltweiter Mission
Aus der Gebetsgemeinschaft Herrnhut wuchs sehr schnell ein missionarischer Aufbruch. 1732 verließen die ersten Missionare die Siedlung, um auf die Insel St. Thomas in der Karibik zu reisen und den dortigen Sklaven das Evangelium zu bringen. Weitere Brüder wurden nach Grönland, Surinam und Südafrika gesandt.
Später folgten Missionare nach Nordamerika (unter anderem nach Georgia, North Carolina und Pennsylvania), nach anderen Teilen Afrikas, nach Asien und bis nach Australien. Zinzendorf und die Herrnhuter gehören damit zu den frühen Pionieren einer bewussten weltweiten Evangelisation, noch bevor die großen protestantischen Missionsgesellschaften des späten 18. und 19. Jahrhunderts entstanden.
Viele, die auszogen, taten dies in tiefem Bewusstsein der Nachfolge. Einige waren bereit, sich sogar als Sklaven verkaufen zu lassen, um unter Sklaven das Evangelium leben und verkündigen zu können. Die Herrnhuter Mission war geprägt von Einfachheit, persönlicher Hingabe und einer starken Betonung der Gemeinschaft: Die Sendenden und die Gesandten blieben durch Gebet und Briefwechsel eng verbunden.
Begegnung mit den Methodisten: Zinzendorf und John Wesley
Die Herrnhuter wirkten nicht isoliert. Ihr Einfluss reichte tief hinein in die beginnende evangelikale Erneuerungsbewegung des 18. Jahrhunderts. Besonders deutlich wird dies in der Beziehung zu John Wesley, einem der späteren Hauptgestalten der methodistischen Bewegung.
Auf einer Seereise nach Amerika (1735/36) lernte Wesley eine Gruppe Herrnhuter kennen und war beeindruckt von ihrer Demut, ihrem Dienst am Nächsten und ihrem Vertrauen auf Gott mitten im Sturm. Später, nach seiner inneren Erneuerung 1738 in London, besuchte Wesley die Herrnhuter Siedlung in Sachsen und war so bewegt von ihrem Glaubensleben, dass er bekannte, er würde gerne sein Leben dort verbringen, wenn der Herr ihn nicht anders rufen würde.
Zwar kam es später zu Spannungen und zur Trennung zwischen Wesley und den Moravianern in England, vor allem aus Lehrfragen. Doch vieles, was den Methodismus prägte – die Bildung von „Societies“ und „Bändern“, die Bedeutung des gemeinsamen Singens und der seelsorgerlichen Kleingruppen – trägt Spuren herrnhutischer Vorbilder. So stehen Zinzendorf und Wesley gemeinsam am Anfang eines weitreichenden evangelikalen Aufbruchs, der Europa und Nordamerika nachhaltig veränderte.
Ein Leben voll Lasten – und voller Freude an der Einheit
Zinzendorf trug schwere Lasten. Die innere Entwicklung in Herrnhut ging nicht ohne Krisen; von außen gab es Widerstände durch kirchliche Leitungen, staatliche Behörden und theologische Gegner. Finanzielle Sorgen drückten ihn ebenso wie persönliche Schicksalsschläge – nicht zuletzt der Tod seiner Frau.
Seine letzten Jahre widmete er sich ohne Vorbehalt der Herrnhuter Brüdergemeine. Mit großer Dankbarkeit sah er, wie unter den Brüdern und Schwestern das Gebet Jesu aus Johannes 17:21 – dass alle eins seien – in erstaunlicher Weise konkret gelebt wurde. In einer Zeit, in der Konfessionsgrenzen oft unüberwindlich schienen, war Herrnhut ein Ort, an dem Christen verschiedenster Herkunft echte geistliche Gemeinschaft fanden.
Abschied in Hoffnung
Zinzendorf starb am 9. Mai 1760 im Alter von 60 Jahren. Seine letzten überlieferten Worte fassen die Haltung seines ganzen Lebens zusammen:
Ich gehe zum Heiland. Wenn Er mich hier unten nicht länger gebrauchen will, so bin ich ganz bereit, zu Ihm zu gehen, denn ich habe nichts anderes, was mich hier zurückhält.
In dieser schlichten Gewissheit – „Ich gehe zum Heiland“ – klingt eine tiefe Vertrautheit mit Christus an, die sein Denken und Handeln geprägt hatte.
Zinzendorf als Liederdichter
Neben seiner Rolle als Gemeindeleiter und Missionar war Zinzendorf ein außerordentlich fruchtbarer Liederdichter. Er schrieb über 2.000 Lieder. Eines seiner bekanntesten, durch John Wesley ins Englische übertragen, wird im Deutschen mit den Worten wiedergegeben:
Jesu, deine Blut und Gerechtigkeit
Dieses Lied entstand auf der Rückreise von der Insel St. Thomas und bringt in dichter Form auf den Punkt, was Zinzendorfs Theologie durchzieht: die persönliche, herzliche Hinwendung zu Christus, der durch Sein Blut unsere Gerechtigkeit vor Gott geworden ist.
Geistliches Erbe
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf steht in der Kirchengeschichte für mehrere bleibende Akzente:
- Christuszentrierte Frömmigkeit: Nicht Systeme, sondern die persönliche Beziehung zum Heiland – als „Herzensfreund“ – stand im Mittelpunkt.
- Gelebte Einheit: In Herrnhut trafen Christen unterschiedlicher Herkunft zusammen und lernten, als ein Leib zu leben, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.
- Gebet und Alltag: Die Verbindung von täglicher Schriftlesung, gemeinschaftlichem Gebet und praktischer Nächstenliebe prägte das Leben der Brüdergemeine.
- Weltweite Mission: Aus einer unscheinbaren Flüchtlingssiedlung wurde ein Ausgangspunkt globaler Evangelisation.
Wer heute auf die Herrnhuter Brüdergemeine und die frühe methodistische Bewegung blickt, entdeckt in beiden Spuren von Zinzendorfs Wirken. Sein Leben zeigt, wie Gott einen einzelnen Menschen gebrauchen kann, der bereit ist, Besitz, Karriere und Sicherheit hintanzustellen, damit Christus geehrt wird und die Gemeinde gebaut wird – in Sachsen, in Europa und bis an die Enden der Erde.