Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

John Wesley (1703-1791)

12 Min. Lesezeit

Ein „Scheit aus dem Feuer gerissen“

John Wesley kommt am 17. Juni 1703 im Pfarrhaus von Epworth in Lincolnshire zur Welt, als fünfzehntes von neunzehn Kindern des anglikanischen Pfarrers Samuel Wesley und seiner Frau Susanna. Nur neun Geschwister überleben das Kindesalter. Die Familie lebt häufig am Rande der Armut, der Vater ist wiederholt verschuldet. Inmitten dieser äußeren Not prägt Susanna, eine gottesfürchtige und ungewöhnlich disziplinierte Frau, das geistliche Klima des Hauses.

Am 9. Februar 1709 wird das Pfarrhaus ein Raub der Flammen. Alle können fliehen – nur der fünfjährige John bleibt im oberen Stockwerk zurück. Als er am Fenster erscheint, bilden Nachbarn eine menschliche Leiter und ziehen ihn heraus; kurz darauf stürzt das Dach ein. Der Vater kniet nieder und dankt Gott laut für die Rettung seiner Kinder. Susanna bezeichnet John fortan als ein „Scheit, aus dem Feuer gerissen“ (Sach. 3:2) und nimmt sich vor, sich „besonders sorgfältig um die Seele dieses Kindes“ zu kümmern. Für Wesley bleibt dieses Erlebnis lebenslang ein Hinweis darauf, dass Gott mit ihm einen besonderen Weg gehen könnte.

Susanna unterrichtet alle Kinder zu Hause, sorgt für Ordnung, Bildung und geistliche Unterweisung. Jedem Kind widmet sie wöchentlich eine Stunde persönlicher seelsorgerlicher Zuwendung; der Donnerstag gehört John. Später wird dieser Wochentag für ihn oft eine besonders bedeutsame Zeit der Besinnung bleiben.

Oxford, Ordination und der Weg in den Legalismus

Mit etwa zehn Jahren erhält John ein Stipendium an der renommierten Charterhouse School in London. 1720 wechselt er an die Universität Oxford (Christ Church College). Die Moral der Studenten ist locker, das religiöse Leben vielfach oberflächlich. Wesley aber sucht bewusst einen ernsthaften, disziplinierten Weg. 1724 erwirbt er den Bachelorabschluss, 1725 wird er in der anglikanischen Kirche zum Diakon ordiniert und hält seine erste Predigt.

Schon früh nimmt er sich strenge „Regeln zur Verwendung der Zeit“ vor: den Tag mit Gott beginnen und enden, keine Stunde verschwenden, sich vor nutzloser Neugier hüten, täglich mindestens eine Stunde der persönlichen Andacht widmen. Er liest geistliche Klassiker wie Thomas von Kempens Nachfolge Christi, William Law und Jeremy Taylor. All dies vertieft seinen Ernst – führt ihn aber zunächst immer tiefer in einen strengen, gesetzlich gefärbten Frömmigkeitsstil.

1726 wird Wesley „Fellow“ (Dozent) am Lincoln College in Oxford, später Tutor für neutestamentliches Griechisch. 1728 folgt die Priesterweihe. Er ist äußerlich vorbildlich, innerlich jedoch unruhig: Er ringt um Heiligung, ohne die Gewissheit der Gnade.

Der „Holy Club“ und die Geburt des Methodismus

1729 kehrt Wesley nach Oxford zurück und übernimmt die Leitung eines kleinen Kreises frommer Studenten, den sein Bruder Charles begonnen hat. Die Umgebung spottet über die Gruppe und nennt sie „Methodisten“ – zuerst als Spottname. Die jungen Männer folgen einem festen „Methodus“: frühes Aufstehen, intensives Bibelstudium, regelmäßiges Fasten, häufige Teilnahme am Abendmahl, Besuch bei Kranken und Gefangenen, praktische Hilfe für die Armen, Schulunterricht für Kinder.

Aus heutiger Sicht erinnert vieles daran an neutestamentliche Gemeinschaft: Bibellesen, Gebet, gegenseitige Ermahnung und tätige Liebe. Dennoch bleibt Wesleys Grundton in dieser Zeit stark leistungsorientiert. Heiligkeit erscheint ihm vor allem als Ergebnis strenger Selbstdisziplin.

Ein gesetzlicher Missionar in Amerika

1735 stirbt Wesleys Vater. Kurz darauf begegnet John in London Treuhändern der neuen Kolonie Georgia in Nordamerika. Man sucht einen Geistlichen für die Siedler und auch für die Indianer. Wesley sieht hierin einen Ruf Gottes und zugleich eine Chance, seine eigene Seele zu retten. Er schreibt offen, er sei noch nicht wirklich bekehrt, hoffe aber, in der Missionsarbeit selbst „bekehrt“ zu werden.

Mit seinem Bruder Charles fährt er im Oktober 1735 nach Amerika. Auf dem Schiff begegnet er einer Gruppe von Herrnhutern aus Zinzendorfs Brüdergemeine. Deren Demut, Dienstbereitschaft und stille Freude – selbst in schwersten Stürmen – beeindrucken ihn tief. Während die englischen Passagiere in Panik schreien, singen die Herrnhuter Psalmen und bleiben ruhig. Auf Wesleys Frage, ob sie nicht Angst gehabt hätten, antwortet einer ruhig, auch Frauen und Kinder seien „nicht furchtsam, zu sterben“. Wesley sieht eine kindliche, vertrauende Gewissheit des Glaubens, die er selbst nicht kennt.

In Georgia erlebt er eine bittere Niederlage. Seine strengen Anforderungen und hochkirchlichen Ansichten verprellen zahlreiche Kolonisten. Eine unglückliche Liebesgeschichte mit Sophy Hopkey, die schließlich einen anderen heiratet, endet in einem verworrenen Disziplinfall, der Wesley vor Gericht bringt und seine Stellung völlig untergräbt. Ende 1737 kehrt er enttäuscht nach England zurück – äußerlich als gescheiterter Missionar, innerlich aber in einer Krise, die zur Wende werden soll.

Begegnung mit den Herrnhutern: Vom Gesetz zur Gnade

Auf der Rückfahrt klagt Wesley in seinem Tagebuch, er sei nach Amerika gegangen, um die Indianer zu bekehren – „wer aber bekehrt mich?“ Die Frage nach einer wirklichen Gewissheit des Heils lässt ihn nicht mehr los.

In London begegnet er dem Herrnhuter Peter Böhler. In Gesprächen mit ihm erkennt Wesley, dass er zwar viel von Christus weiß, Ihm aber nicht im Vertrauen auf die alleinige Gnade vertraut. Böhler rät ihm, weiter zu predigen – aber nun das Evangelium von der Rechtfertigung allein aus Glauben – „bis du diesen Glauben selbst hast; und wenn du ihn hast, wirst du ihn umso mehr predigen“.

Am 24. Mai 1738 kommt es in einer kleinen Versammlung in der Aldersgate Street zur entscheidenden Erfahrung. Während jemand die Vorrede Martin Luthers zum Römerbrief vorliest und die Veränderung beschreibt, die Gott durch den Glauben im Herzen wirkt, erlebt Wesley, dass sein Herz „seltsam erwärmt“ wird. Er erkennt: Christus allein ist sein Heil, und Er hat auch seine persönliche Schuld getragen. Die Heilsgewissheit, nach der er so lange gerungen hatte, wird ihm – nach seinem eigenen Zeugnis – geschenkt.

Kurz darauf besucht Wesley die Herrnhuter Siedlung Herrnhut in Sachsen. Er ist tief beeindruckt von der gelebten Gemeinschaft, dem intensiven Liedgut, der klaren Christozentrik. Viele Elemente, die später die methodistischen „Societies“ prägen – kleine Gruppen, Bekenntnis, seelsorgerliche Gemeinschaft, starker Gesang – stehen in engem Zusammenhang mit dieser Begegnung. Dennoch bleibt es nicht bei Harmonie: 1740 trennt Wesley sich wegen theologischer Differenzen von den Herrnhutern in London.

Aufbruch nach draußen: Feldpredigt und Laienarbeit

Nach seiner Rückkehr trifft Wesley in England wieder auf George Whitefield. Whitefield hat in Bristol begonnen, im Freien zu predigen, weil ihm viele Kanzeln verschlossen sind. Zunächst zögert Wesley – Feldpredigt widerspricht seinem anglikanischen Empfinden. Doch die Not der Menschen und die verschlossene Haltung vieler Pfarrer drängen ihn, den Schritt zu tun. 1739 hält er seine erste Freiluftpredigt in der Nähe von Bristol.

Damit beginnt eine neue Phase: Wesley sieht die ganze Welt als seine „Pfarrei“. Er predigt in Städten und Dörfern, auf Marktplätzen, in Grubenbezirken, oft frühmorgens um fünf Uhr, wenn Arbeiter auf dem Weg zur Schicht sind. Zugleich öffnet er das Werk für Laienprediger – ein für die damalige Kirche revolutionärer Schritt. 1739 entsteht in Bristol die erste methodistische Versammlungsstätte, kurz darauf die „Foundery“ in London als Zentrum der jungen Bewegung.

Gesellschaften, Klassen und Bünde: Geistliche Ordnung im Aufbruch

Wesley erkennt schnell, dass evangelistische Impulse allein nicht genügen. Wer zum Glauben kommt, braucht geistliche Begleitung und Einbindung. So entstehen die methodistischen „Societies“ – Versammlungen zur Ermutigung, Belehrung und missionarischen Ausrichtung. In seinen „General Rules of the United Societies“ beschreibt Wesley ihren Zweck: Gebet, gegenseitige Fürsorge, Hilfe zur Heiligung und zugleich evangelistischer Auftrag. Er selbst sagt, er wolle nirgendwo „einen Schlag führen“, den er nicht „nachschlagen“ könne – das heißt: Verkündigung soll immer mit nachhaltiger Begleitung verbunden sein.

Die Societies werden in „Circuits“ (Reiseprediger-Bezirke) zusammengefasst, diese wiederum in Distrikte. Dieses System bewahrt die Frucht der Evangelisation und ermöglicht eine kontinuierliche Betreuung. 1768 zählt der Methodismus bereits 40 Circuits und über 27.000 Mitglieder, 1798 sind es 149 Circuits mit mehr als 100.000 Mitgliedern.

Im Innern der Societies bilden die „Klassen“ das geistliche Herz: Kleingruppen von etwa zwölf Personen, geleitet häufig von Laien – auch von Frauen. Man singt, betet, berichtet offen von geistlichen Erfahrungen, ringt gemeinsam mit Sünde und Versuchung, hilft sich praktisch und finanziell. Ein kleiner regelmäßiger Beitrag („ein Penny pro Woche und ein Schilling pro Quartal“) dient der Unterstützung der Armen und der Prediger. In diesen Klassen finden nach zeitgenössischen Berichten die meisten Bekehrungen und tiefsten Veränderungen statt.

Daneben gibt es kleinere „Bünde“ (bands), meist nach Geschlecht und Lebensstand geordnet, mit besonders vertraulicher Seelsorge und persönlichem Bekenntnis. Diese Form übernimmt Wesley offenbar direkt von den Herrnhutern. Später treten die Bünde zurück, die Klassen bleiben das tragende Netz der Bewegung.

Spannungen und Leiden – auch im eigenen Haus

Wesleys Dienst bleibt nicht ohne Widerstände. 1740 kommt es zur Trennung von den Herrnhutern; im selben Jahr bricht er mit Whitefield in der Lehre von Erwählung und Gnade, auch wenn beide später in herzlicher Freundschaft weiter zusammenarbeiten. Von außen wird der Methodismus oft mit Hohn und Gewalt beantwortet. Mobs stören Versammlungen, Häuser werden angegriffen, Wesley wird geschlagen und mit Steinen beworfen.

Auch persönlich bleibt ihm Leid nicht erspart. Sein langjähriger Wunsch nach einer Ehe, die zugleich geistlich getragen ist, erfüllt sich nur teilweise. Eine erste ernsthafte Beziehung in Georgia scheitert. Später verliebt er sich in die begabte Witwe Grace Murray, doch auf Drängen seines Bruders Charles und anderer Freunde heiratet sie einen anderen Methodistenvorkämpfer. 1751 schließlich heiratet Wesley die wohlhabende Witwe Mary (Molly) Vazeille. Die Ehe wird schwierig. Seine Überzeugung, ein verheirateter Prediger dürfe kein bisschen weniger reisen oder dienen als ein lediger, überfordert die Beziehung. Molly leidet unter den Strapazen, reagiert zunehmend heftig und verlässt ihn schließlich dauerhaft; sie stirbt 1781. Zeitgenössische Beobachter deuten dieses Leid rückblickend als eine Zucht der Umstände, die Wesleys Demut und Abhängigkeit von Gott vertieft.

Ein Leben „in journeys often“

Wesleys Dienst lässt sich mit Paulus’ Wort „in Reisen oft“ treffend beschreiben. Meist zu Pferd legt er schätzungsweise über 250.000 Meilen zurück, oft 40–60 Meilen an einem Tag, und predigt insgesamt viele Tausend Male. Seine Tage beginnen gewöhnlich um vier Uhr früh, die erste Predigt hält er um fünf. Er betet häufig kurze, schlichte Gebete im Lauf des Tages, prüft abends seine Wege vor Gott und bekennt, wo er versagt hat. Der Satz, der ihm zugeschrieben wird, fasst seine Überzeugung zusammen:

Gott tut nichts, außer als Antwort auf Gebet.

Trotz des ständigen Unterwegsseins bleibt er ein eifriger Leser und Schreiber. In seinem Reisegepäck führt er eine kleine Bibliothek mit, um auf dem Pferd zu lesen. In seinem Haus an der City Road in London – nahe der 1778 eröffneten City Road Chapel – ist ein kleiner Raum direkt neben seinem Schlafzimmer als Gebetszimmer eingerichtet. Dort, sagt er, sitze er „allein, nur Gott ist hier“, liest die Schrift und das, was er dort lernt, gibt er im Dienst weiter. Für die frühen Methodisten wird dieses Zimmer zum „Power House“.

Seine Lebensführung ist geordnet und schlicht; er liebt Sauberkeit und Ordnung, ohne an irdischen Dingen zu hängen. Inmitten von Menschenmengen und Lärm behält er eine bemerkenswerte innere Sammlung.

Methodismus und die Kirche von England

Wesley versteht sich selbst sein Leben lang als Priester der anglikanischen Kirche und möchte den Methodismus ursprünglich als Erneuerungsbewegung innerhalb dieser Kirche erhalten. Doch das Werk wächst, die Strukturen der Kirche stehen dem Laienpredigtdienst und der freien Evangelisation zunehmend im Weg. In Amerika entsteht eine besondere Situation: Nach der Unabhängigkeit fehlen anglikanische Bischöfe, um Prediger zu ordinieren.

1784 trifft Wesley eine weitreichende Entscheidung: Er ordiniert Thomas Coke und andere für den Dienst in Amerika. Damit ist eine faktische Trennungslinie zur Kirche von England überschritten, und der Methodismus beginnt, sich als eigenständige Kirche zu formieren – zuerst in der Neuen Welt, später auch in England. Gleichzeitig bleibt Wesleys Anliegen, keine persönliche Partei zu gründen, sondern Menschen zu Christus und zu einem praktischen, heiligen Leben zu führen.

Letzte Jahre und Heimkehr

Bis ins hohe Alter ist Wesley unterwegs. Am 1. Januar 1790 beschreibt er sich als „von Kopf bis Fuß verfallen“: die Augen schwach, die Hand zitternd, tägliche Fieberanfälle. Und doch dankt er Gott, dass er weiter predigen und schreiben kann.

Seine letzte Freiluftpredigt hält er am 7. Oktober 1790 in Winchelsea über das Wort: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen; tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Viele Zuhörer weinen. Am 22. Februar 1791 predigt er zum letzten Mal in einer Kapelle in Leatherhead über „Suchet den Herrn, solange Er zu finden ist“.

Zurück in London, schreibt er noch einen Brief an den jungen Parlamentarier William Wilberforce und ermutigt ihn, den Kampf gegen die Sklaverei durchzustehen, „bis sogar die amerikanische Sklaverei, die schändlichste, die je die Sonne sah, verschwunden sein wird“. Gegen Ende seines Lebens fasst er sein eigenes Vertrauen so zusammen: Er habe „keinen anderen Grund“ als diesen: Er sei der „größte der Sünder“, aber Jesus sei für ihn gestorben.

In seinen letzten Stunden wiederholt er – fast flüsternd, aber mit leuchtendem Gesicht – den Satz, der wie ein Vermächtnis über seinem Leben steht:

Das Beste von allem ist: Gott ist mit uns.

Am Morgen des 2. März 1791, gegen zehn Uhr, entschläft John Wesley, während Freunde um sein Bett beten. Er wird 87 Jahre alt.

Geistliches Erbe: Glaube, Heiligung und Gemeinschaft

John Wesley hat keine völlig neue Lehre erfunden. Doch er hat in einer geistlich ermüdeten Kirche die biblische Botschaft von der freien Gnade Gottes neu zum Leuchten gebracht: Rechtfertigung allein aus Glauben, verbunden mit einem ernsthaften Ruf zur praktischen Heiligung. Er betont, dass der Mensch nicht nur gerechtfertigt, sondern auch durch Christus und im Heiligen Geist geheiligt werden soll – nicht als eigene Leistung, sondern als Frucht des Glaubens.

Seine besondere Gabe war es, Evangelisation, persönliche Heiligung und verbindliche Gemeinschaft zu verbinden. Die methodistischen Societies, Klassen und Bünde wurden zu Räumen, in denen einfache Männer und Frauen lernten, gemeinsam zu beten, einander Rechenschaft zu geben, Sünde zu bekennen, sich zu tragen und zu senden. So hat Gott durch einen „Scheit aus dem Feuer gerissen“ eine Bewegung entfacht, deren Auswirkungen weit über das 18. Jahrhundert hinausreichen – bis heute, wo unzählige Glaubende in methodistischer Tradition stehen oder durch Lieder, Predigtformen und Gemeindestrukturen von diesem Erbe geprägt sind.

Und über alle Zahlen und Strukturen hinaus bleibt sein einfaches Bekenntnis: „Das Beste von allem ist: Gott ist mit uns.“

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