Das Wort des Lebens
kirchengeschichte

George Whitefield (1714-1770)

12 Min. Lesezeit

Ein junger Wirtsohn mit ungewöhnlicher Begabung

George Whitefield wurde am 16. Dezember 1714 im „Bell Inn“ in Gloucester geboren, einem Gasthof, den seine Eltern Thomas und Elizabeth Whitefield betrieben. Früh prägte ihn die Atmosphäre eines Wirtshauses: Menschen gingen ein und aus, Geschichten wurden erzählt, Stimmen erhoben. In dieser Umgebung entdeckte der Junge seine besondere Gabe, Menschen zu fesseln.

Schon als Kind ahmte er gerne Prediger nach, las Gebete vor und verfasste kleine „Predigten“ – zunächst nur zum Spaß der Gäste. Zugleich liebte er Theaterstücke: Er verschlang Bühnenstücke und stellte sich vor, selbst alle Rollen zu spielen. Diese Mischung aus Sprachbegabung, Vorstellungskraft und Beobachtungsgabe sollte später in seiner Predigttätigkeit eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Mit fünfzehn Jahren verließ er zunächst die Schule, um im Gasthof mitzuarbeiten. Doch der Ruf zur Bildung ließ ihn nicht los, und so kehrte er bald wieder auf die Schulbank zurück. Hinter der äußeren Geschäftigkeit begann in ihm schon ein innerer Weg: eine wachsende Unzufriedenheit mit einem bloß äußeren, formalen Christentum.

Oxford, der „Heilige Club“ und der Weg zur Neugeburt

Mit achtzehn Jahren erhielt Whitefield ein sogenanntes „Servitorship“ an der Universität Oxford: Er konnte in Pembroke College studieren, indem er als eine Art studentischer Diener wohlhabenderer Kommilitonen diente. In Oxford begegnete er Männern, die wie er nach einem intensiveren Leben mit Gott suchten.

Über Charles Wesley wurde er in den kleinen Kreis eingeführt, der später unter dem Namen „Holy Club“ bekannt wurde. John Wesley war eine Art Leiter dieses Kreises. Die jungen Männer legten großen Wert auf regelmäßiges Bibellesen, Gebet, Fasten, Besuche bei Gefangenen und Armen – ein ernstes Bemühen, Gott zu gefallen.

Whitefield wurde tief geprägt durch geistliche Literatur, insbesondere durch William Laws Schriften Serious Call to a Devout Life und Christian Perfection. Noch mehr aber traf ihn Henry Scougals Buch The Life of God in the Soul of Man. Durch dieses kam er zur klaren Einsicht, dass wahres Christsein mehr ist als moralische Anstrengung und fromme Übungen: das Leben Gottes selbst muss in die Seele eines Menschen einziehen; er muss von Neuem geboren werden (Johannes 3).

Whitefield fasste den Entschluss, nur noch solche Bücher zu lesen, die ihn „direkt zu einer erfahrungsmäßigen Erkenntnis Jesu Christi“ führten. Es folgten Monate eines verzweifelten Ringens: intensives Fasten, viel Gebet, der Besuch öffentlicher Gottesdienste, Verzicht auf weltliche Vergnügungen. Aber inneren Frieden fand er nicht.

Im März 1735, mit zwanzig Jahren, kam er zu der Gewissheit, dass Gott ihm in Christus vergeben hatte, und beschrieb dies als Erleben der Neugeburt. Später fasste er es so zusammen: Gott habe „die schwere Last weggenommen“ und ihn befähigt, „Seinen lieben Sohn im lebendigen Glauben zu ergreifen“. Das Thema der Neugeburt sollte fortan das Herz seiner Verkündigung bilden.

Ordination in der anglikanischen Kirche und erste Predigten

1736 schloss Whitefield sein Studium mit dem B.A. ab und wurde von seinem Heimatbischof in Gloucester zum Dienst in der anglikanischen Kirche ordiniert. Seine erste Predigt hielt er in Gloucester. Die Wirkung war derart ungewöhnlich, dass sich einige über ihn lustig machten, andere aber „getroffen“ waren. Es hieß, er habe „fünfzehn Menschen verrückt gemacht“ – Whitefield verstand darunter, dass sie wiedergeboren worden seien. Der Bischof reagierte nur trocken, man möge hoffen, „diese Verrücktheit werde bis nächsten Sonntag nicht vergessen sein“.

Bald folgten Einladungen nach London und Bristol. Überall, wo er auftrat, sammelten sich große Menschenmengen. Seine Botschaft war klar und einfach, aber durchdrungen von innerem Feuer: Neugeburt und Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus. Für viele kirchlich Gewohnte war dies eine neue, ja erschütternde Betonung.

Doch je stärker die Wirkung seiner Predigten, desto größer auch die Zurückhaltung in der offiziellen Kirche. Nach und nach blieben ihm viele anglikanische Kanzeln verschlossen. Gerade diese Ablehnung trieb ihn jedoch in eine neue Richtung, die die Gestalt des Protestantismus im 18. Jahrhundert nachhaltig verändern sollte.

Amerika, Waisenhauspläne und der Schritt ins Freie

1738 reiste Whitefield erstmals nach Amerika, um das Missionswerk der Wesleys in der Kolonie Georgia zu unterstützen. Als er dort ankam, waren diese bereits nach England zurückgekehrt. Whitefield predigte in der jungen Kolonie und erkannte die Not vieler verlassener Kinder. In seinem Herzen reifte der Plan eines Waisenhauses bei Savannah, für dessen Finanzierung er später unermüdlich in England und Amerika sammelte.

Zurück in England verschärfte sich der Konflikt mit der anglikanischen Kirchenordnung. Immer mehr Kanzeln wurden ihm verweigert. 1739 wagte er den entscheidenden Schritt: Er begann, im Freien zu predigen. Seine erste Freiluftpredigt hielt er vor einer Gruppe von Bergarbeitern im Kohlerevier von Kingswood bei Bristol. Viele dieser Männer wären nie in einen sonntäglichen Gottesdienst gegangen; nun standen sie im Freien und hörten, wie Whitefield ihnen Christus predigte. Zeitgenossen berichten, wie Tränen die von Kohlenstaub geschwärzten Gesichter herabliefen.

Die Gebäude der Gemeinde waren für die Menschenmassen, die ihn hören wollten, ohnehin zu klein geworden. Unbewusst öffnete Whitefield hier eine neue Form der Evangelisation, die weit über die Grenzen der anglikanischen Kirche hinausging. Von Beginn an verband sich seine Freiluftarbeit eng mit der späteren methodistischen Bewegung. Noch bevor er erneut nach Amerika aufbrach, überredete er John und Charles Wesley, seine Arbeit in Bristol fortzuführen – und auch im Freien zu predigen. So wurden auch sie aus der Enge kirchlicher Räume herausgeführt.

Calvinist unter Methodisten – Spannungen mit John Wesley

Schon früh zeichnete sich ab, dass George Whitefield und John Wesley zwar eng in der praktischen Evangelisationsarbeit verbunden waren, in wichtigen Lehrfragen aber unterschiedlich dachten. Whitefield war theologisch klar calvinistisch geprägt, während Wesley eine arminianische Sicht vertrat. Whitefield bat Wesley ursprünglich, diese Unterschiede nicht öffentlich auszutragen.

Als Whitefield Ende 1739 wieder nach Amerika reiste, predigte er dort mit großer Frucht. Die Jahre 1740–1741 gelten als Höhepunkt der Großen Erweckung in Neuengland. Whitefield, der von Kolonie zu Kolonie zog, und Jonathan Edwards, der bedeutende Theologe der amerikanischen Erweckung, dienten parallel. Zahlreiche Berichte sprechen von vielen Bekehrungen und von einer deutlich veränderten geistlichen Atmosphäre in Städten und Gemeinden.

Als Whitefield 1741 nach England zurückkehrte, stellte er fest, dass Wesley seine calvinistische Lehre inzwischen öffentlich angegriffen hatte. Es kam zu einem offenen Bruch. Dennoch blieb Whitefield bemüht, sich selbst zurückzunehmen. Überliefert ist sein Wort:

Lass den Namen Whitefield vergehen, damit Christus verherrlicht werde, und lass mich nur der Diener aller sein!

Trotz ernsthafter Lehrdifferenzen suchte er, nicht seine Person, sondern Christus in den Mittelpunkt zu stellen.

Schottland, Wales und die calvinistischen Methodisten

Auf der Suche nach einem Umfeld, in dem seine calvinistische Theologie besser aufgenommen wurde, reiste Whitefield 1741 zum ersten Mal nach Schottland. Dort war der Calvinismus die herrschende Lehre, und Whitefield wurde mit offenen Armen empfangen. Insgesamt besuchte er Schottland vierzehnmal und wirkte dort in verschiedenen Erweckungsbewegungen mit.

Auch in Wales fand Whitefield Weggefährten. Gemeinsam mit Howell Harris (1714–1773) und Daniel Rowlands (1713–1790), durch deren Verkündigung eine starke Erweckung in Wales ausbrach, arbeitete er eng zusammen. 1743 entstand aus dieser Zusammenarbeit die „Calvinistic Methodist Association“, aus der später die Presbyterian Church of Wales hervorging. Whitefield wurde zunächst ihr Leiter, legte dieses Amt aber wieder nieder. Er wollte frei bleiben, vor allem in Amerika zu dienen, für verschiedene evangelikale Anliegen verfügbar zu sein und wiederholte Auseinandersetzungen mit den Wesleys zu vermeiden.

In London errichteten seine Anhänger ihm eine große hölzerne Versammlungshalle, die er „Tabernacle“ nannte, in Moorfields. Sie war regelmäßig überfüllt. 1756 wurde sie durch einen größeren Steinbau an der Tottenham Court Road ersetzt. So bildeten sich um Whitefield herum evangelikale Zentren, ohne dass er je eine so straffe Organisation wie Wesley aufbaute.

Predigtgabe und Gebetsleben

Zeitgenossen bescheinigen George Whitefield eine außergewöhnliche Predigtgabe. Viele hielten ihn für den herausragenden Prediger seiner Zeit. Der berühmte Schauspieler David Garrick hörte ihn mit Bewunderung und soll gesagt haben, er würde viel dafür geben, nur das Wort „Oh“ so aussprechen zu können wie Whitefield. Man erzählte, Whitefield habe seine Zuhörer allein durch die Art, wie er das Wort „Mesopotamien“ aussprach, zum Zittern oder Weinen bringen können.

Charakteristisch für ihn war, dass er seine Predigten oft mehrfach hielt. Doch anders als bei vielen anderen Predigern verlor seine Botschaft dadurch nicht an Kraft – zeitgenössischen Berichten zufolge erreichte er seine größte Wirkung erst, wenn er eine Predigt viele Male gebracht hatte.

Die Wirkung seiner Bilderrede zeigt eine Schilderung aus New York. Als er vor Seeleuten predigte, entwarf er in seiner Predigt das Szenario einer ruhigen Überfahrt, in die plötzlich ein Sturm einbricht: dunkle Wolken, Blitz und Donner, brechende Masten, das Schiff in höchster Not. Die Seeleute, an eigene Gefahren auf See erinnert, riefen unwillkürlich: „Zu den Rettungsbooten!“ Whitefield griff diesen spontanen Ausruf auf und führte ihn hin zu Christus als der wahren Rettung in jedem Lebenssturm. So verband er eindrückliche Bilder mit einem klaren Ruf zur Umkehr.

Bei aller Redegewalt ließ sich Whitefield nicht auf bloße Rhetorik reduzieren. Es war sein Gebetsleben, das seiner Verkündigung geistliche Kraft verlieh. Er pflegte früh aufzustehen – um vier Uhr – und eine Stunde mit Gott und Seinem Wort zu verbringen. Oft predigte er schon um fünf Uhr morgens. Abends zog er sich regelmäßig früh zurück. Er schrieb einmal, dass er, obwohl körperlich schwach, „oft zwei Stunden in den abendlichen Zurückziehungen“ im Gebet über dem griechischen Neuen Testament verbrachte.

Mangelnde Organisation – und Anerkennung für Wesley

Im Unterschied zu John Wesley lag Whitefields Schwerpunkt eindeutig auf der Verkündigung, weniger auf der dauerhaften Betreuung der Bekehrten. Er organisierte die Neubekehrten nicht in kleine Gruppen, stellte ihnen keine Hirten an die Seite und baute auch keine engen Strukturen auf. Dies führte dazu, dass ein Teil der durch seine Predigten gewonnenen Frucht nicht dauerhaft erhalten blieb.

Später erkannte Whitefield diesen Mangel und räumte ein, dass Wesleys Weg, die Menschen in Klassen und Banden zu sammeln und sie zu begleiten, der bessere sei. Diese Einsicht zeigt seine Bereitschaft, anzuerkennen, was Gott durch andere tat, selbst wenn er mit ihnen in wichtigen Punkten nicht übereinstimmte.

Leiden um des Evangeliums willen

Wie die Wesleys erfuhr auch Whitefield harte Anfeindung. Von Teilen der anglikanischen Kirche und von Gegnern des Evangeliums wurde ihn gegenüber heftige Kritik laut. Man attackierte ihn sogar im Bett und versuchte, ihn zu verletzen. Mobs stürmten seine Versammlungen, bewarfen ihn mit Eiern und Steinen. Auf der Bühne wurde er als „Dr. Squintum“ lächerlich gemacht.

Doch Whitefield ließ sich nicht einschüchtern. Er sah in diesen Leiden nicht eine persönliche Kränkung, sondern eine Teilnahme an den Leiden Christi. Er freute sich, um Jesu willen Schmähungen tragen zu dürfen. So verband sich bei ihm die Macht des Wortes mit der Bereitschaft, um des Evangeliums willen zu leiden.

Ein nüchterner Ehebund und persönliches Kreuz

Die frühe methodistische Bewegung betonte stark, dass für ihre Leiter die Bindung an Christus und Seine Gemeinde Vorrang habe vor jeder menschlichen Beziehung. Man fürchtete, leidenschaftliche Beziehungen könnten den geistlichen Eifer schwächen. Dies wirkte sich auch auf Whitefields Ehestand aus.

1740, als Fünfundzwanzigjähriger, machte er in Amerika einer jungen, anziehenden Bekehrten namens Elizabeth Delamotte einen schriftlichen Heiratsantrag. Die Art, wie er ihn formulierte, ließ eine Abweisung fast erwarten – und so geschah es. 1741 heiratete er schließlich Elizabeth James aus Wales, eine elf Jahre ältere Witwe. Sie war weder durch besondere Schönheit ausgezeichnet noch romantisch zu ihm hingezogen, aber sie war eine gottesfürchtige Methodistin. Das genügte ihm; romantische Liebe suchte er nicht, ja er misstraute ihr. Zwei Jahre nach der Hochzeit wurde ein Sohn geboren, der jedoch im Alter von vier Monaten starb. So trug Whitefield auch in seinem persönlichen Leben ein verborgenes Kreuz.

Ein Leben, das „mit der Kerze ausbrannte“

Whitefields ganzes Leben war von Ruhelosigkeit für das Evangelium geprägt. Siebenmal reiste er über den Atlantik nach Amerika, häufig war er in England, Schottland und Wales unterwegs. Körperlich war er nicht besonders kräftig, litt unter Asthma, aber er „verzehrte“ seine Kräfte im Dienst.

Seine letzte Predigt hielt er im Freien bei Exeter in Massachusetts, am Samstag, dem 29. September 1770. Er war sichtbar erschöpft. Jemand riet ihm, lieber zu ruhen als zu predigen. Er antwortete: „Es stimmt, ich bin müde“, und betete sinngemäß:

Herr Jesus, ich bin müde in Deinem Werk, aber nicht müde Deines Werkes. Wenn ich meinen Lauf noch nicht vollendet habe, lass mich noch einmal auf dem Feld für Dich reden, Deine Wahrheit bezeugen – und dann heimgehen und sterben.

Er predigte etwa zwei Stunden lang. Danach kehrte er mit seinem Freund Jonathan Parsons nach Newburyport zurück, wo er am nächsten Tag wieder predigen sollte. Am Abend drängten sich noch viele Menschen um das Haus, hungrig nach dem Wort Gottes. Whitefield war zu müde, um eine richtige Predigt zu halten, nahm eine Kerze und wollte zu Bett gehen. Doch als er die vielen wartenden Menschen sah, blieb er auf der Treppe stehen und begann zu reden. Seine Ansprache ergriff die Zuhörer so sehr, dass viele in Tränen ausbrachen. Er sprach weiter, bis die Kerze in seiner Hand hinabbrennte und in der Fassung erlosch. Es wurde zu einem sprechenden Bild: Sein Dienst brannte „bis zum letzten Wachstropfen“.

In der Nacht wurde sein Asthma wieder schlimmer. Am Morgen des 30. September 1770, gegen sechs Uhr, starb George Whitefield im Alter von 55 Jahren im Haus seines Freundes Parsons in Newburyport.

Geistliche Bilanz: Ein Evangelist unter der Gnade

Der chinesische Diener des Herrn, Watchman Nee, hat Whitefield besonders als Evangelisten gewürdigt, der in einer Reihe mit John Wesley steht. Er überliefert eine Äußerung Whitefields über sich selbst, die tief in dessen Verständnis von Gnade blicken lässt. Whitefield war sich der Unvollkommenheit selbst seiner besten Werke bewusst. Er sah in seinen Predigten und Gebeten nichts Vorzeigbares vor Gott und sagte sinngemäß, selbst seine Buße bedürfe wieder der Buße; selbst seine Tränen müssten noch im Blut des Erlösers gereinigt werden.

Damit stellt Whitefield sich selbst ganz auf die Seite derer, die der Gnade bedürfen. Seine Predigtgabe, seine Reisen, die vielen Bekehrungen – all das war für ihn nichts, worauf er sich vor Gott stützen konnte. Einzig das Blut Jesu Christi und die Gnade Gottes in Christus waren seine Zuversicht.

In dieser Haltung liegt ein wichtiges Geheimnis seines Dienstes: Er war ein Mann, der aus der eigenen Bedürftigkeit heraus die Fülle der Gnade Gottes predigte. Darum konnte Gott ihn im Zeitalter der Herrnhuter und Methodisten – in England, Wales, Schottland und Amerika – zu einem Werkzeug der Erweckung machen. Seine Geschichte lädt auch heute dazu ein, neu zu bedenken, welche Kraft im Evangelium von der Neugeburt und der Rechtfertigung aus Gnade liegt.

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