Charles Wesley (1707-1788)
Ein zartes Leben in Gottes Hand
Charles Wesley kam am 18. Dezember 1707 als achtzehntes Kind von Samuel und Susanna Wesley zur Welt – nach damaliger Rechnung „zu früh“. Sein erster Biograph berichtet, das Kind habe bei der Geburt eher tot als lebendig gewirkt: kein Schrei, keine geöffneten Augen. Man wickelte den kleinen Charles in weiche Wolle, bis die Zeit erreicht war, zu der er „eigentlich“ hätte geboren werden sollen. Dann erst öffnete er die Augen und weinte. Sein Leben stand von Anfang an unter dem Eindruck besonderer Bewahrung.
Als Charles etwa vierzehn Monate alt war, brannte 1709 das Pfarrhaus in Epworth ab. Er entkam den Flammen nur, weil eine Magd ihn aus dem brennenden Haus trug. Schon früh war sein Leben buchstäblich „aus dem Feuer gerissen“. Die prägenden Jahre verbrachte er – wie alle Wesley-Kinder – im Elternhaus, in dem Susanna Wesley mit eindrucksvoller geistlicher und erzieherischer Konsequenz ihre große Kinderschar formte. Heimunterricht, geordnete Tage, feste Zeiten des Gebets: In diesem Klima wuchs Charles auf.
Oxford, „Holy Club“ und der Name „Methodist“
Mit acht Jahren trat Charles 1716 in die Westminster School in London ein, wo sein älterer Bruder Samuel als Hilfslehrer wirkte. Charles war begabt, wurde schließlich „Kapitän“ der Schule und erhielt 1726 ein begehrtes Stipendium („Studentship“) am Christ Church College in Oxford – wie vor ihm seine Brüder.
Zunächst genoss er das studentische Leben in vollen Zügen. Doch schon im zweiten Jahr veränderte sich etwas. Er widmete sich mit wachsendem Ernst seinem Studium und begann zugleich, geistliche Ordnungen in sein Leben aufzunehmen. Er besuchte das wöchentliche Abendmahl und gewann zwei, drei Kommilitonen, die mit ihm einen geregelten Tageslauf mit Gebet, Bibellesen und Studium einhielten. Rückblickend sagte er über diese Zeit:
Der Fleiß führte mich zum ernsthaften Nachdenken. Ich ging zum wöchentlichen Abendmahl und überredete zwei oder drei andere, mit mir hinzugehen und die im Statut der Universität vorgeschriebene Methode des Studiums zu beachten. Das verschaffte mir den harmlosen Namen „Methodist“.
In der Gedenkinschrift für Charles in der Wesley-Kapelle wird vermerkt, er sei „der erste, der den Namen Methodist erhielt“. Das dürfte um 1727 gewesen sein. Aus der kleinen Gruppe wuchs 1729 der sogenannte „Holy Club“. Gemeinsam las man die Bibel, pflegte geordnete Frömmigkeit, besuchte Kranke und Gefangene, unterstützte die Armen und nahm das Abendmahl regelmäßig. Die Spitznamen „Methodists“ und „Holy Club“ waren zunächst Spottbezeichnungen – doch in ihnen zeigt sich, wie ernst die jungen Männer ihren Glauben nahmen.
Als John Wesley nach Oxford zurückkehrte, übergab Charles ihm gern die Leitung der Gruppe. So stand Charles am Anfang jener Bewegung, die später als Methodismus die englischsprachige Christenheit tief prägen sollte.
Ein ungelöster Glaube und ein gescheiterter Amerika-Aufbruch
Auf Drängen seines Bruders begleitete Charles 1735 General Oglethorpe als Sekretär in die britische Kolonie Georgia. Vor der Abreise wurde er zum Geistlichen ordiniert. Doch der Aufenthalt in Amerika (1735–1736) wurde zu einer schmerzlichen Episode. Spannungen, innere Unsicherheit und äußere Schwierigkeiten kennzeichneten seinen Dienst. Die Reise war aus seiner eigenen Sicht kein Erfolg und ließ ihn geistlich eher leer zurück.
Zurück in England, begann für Charles eine entscheidende geistliche Phase. Das Lesen von Luthers Galaterbrief-Kommentar half ihm, das Evangelium der Gnade klarer zu sehen. Noch wichtiger wurde die Begegnung mit den Brüdern aus der Herrnhuter Brüdergemeine. In London lernte er Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Peter Böhler kennen. Durch sie wurde ihm die „schlichte Glaubenshaltung“ nahegebracht: nicht ein mühsames Ringen um Gottes Gunst, sondern die ruhende Gewissheit in Christi vollbrachtem Werk und in Seiner persönlichen Liebe.
„Nun fand ich mich im Frieden mit Gott“ – die Bekehrung 1738
Im Mai 1738 wohnte Charles bei einem einfachen Handwerker, Herrn Bray, einem Kupferschmied in „Little Britain“ in London. Charles nannte ihn „einen armen, schlichten Mechaniker, der nichts kennt als Christus“. In dieser Umgebung, weit weg von akademischer Atmosphäre, kam es zum geistlichen Durchbruch.
Am Sonntag, den 21. Mai 1738, las Bray aus Psalm 32. Während des Lesens geschah das, wonach Charles sich gesehnt hatte. Er schrieb:
Der Geist Gottes stritt mit meinem Geist und verjagte die Finsternis meines Unglaubens. Nun fand ich mich im Frieden mit Gott, ich sah, dass ich durch den Glauben stand.
Die innere Unruhe wich, die Gewissheit der Erlösung trat an ihre Stelle. Nur drei Tage später, am 24. Mai, erlebte John Wesley in der Versammlung in der Aldersgate Street seine bekannte „Herzenswärmung“. Noch am selben Abend wurde John von einer Gruppe Freunde zu Charles nach Little Britain geführt. John bekannte vor allen: „Ich glaube.“ Man sang ein Lied und trennte sich im Gebet. Die beiden Brüder hatten nun gemeinsam den Boden des Heils aus Glauben betreten – ein Wendepunkt für ihr Leben und für die kommende Bewegung.
Vom Kurat zum Wanderprediger
Nach seiner Bekehrung diente Charles zunächst eine Zeit lang als Hilfspfarrer (Kurat) in Islington. Doch die feste Pfarrstelle band ihn stark; er legte das Amt nieder. Ab 1739 begann er – gemeinsam mit John – einen neuen Weg: als reisender Evangelist und Feldprediger.
Die zunehmend verschlossenen Kanzeln innerhalb der anglikanischen Kirche öffneten ihm gleichsam die Felder und Marktplätze. Wie John predigte Charles im Freien, auf Straßen und in Höfen. So wurde das Evangelium vielen Menschen zugänglich, die sonst kaum einen Gottesdienst besucht hätten. Seine Gaben unterschieden sich dabei etwas von denen seines Bruders: John war der Organisator und Lehrer, Charles eher der Seelsorger und Dichter, dessen geistliches Empfinden sich in Trost und Anbetung ausdrückte.
Eine späte, aber offenbar glückliche Ehe
Auf seinen Reisen kam Charles nach Südwales, nach Garth. Dort lernte er Sarah Gwynne kennen, Tochter eines angesehenen Landbesitzers und Richters. Zwischen dem 42-jährigen Evangelisten und der 23-jährigen „Sally“ entwickelte sich rasch eine tiefe Zuneigung. Am 8. April 1749 wurden sie getraut; John Wesley vollzog die Trauung.
Sarah wird als Frau von sanftem, liebevollem Wesen und zugleich von klarem Verstand beschrieben. Ihre Ehe gilt in den Quellen als harmonisch und von gegenseitiger Zuneigung geprägt, auch wenn sie durch viele Reisen und schmerzliche Kindstod-Erfahrungen geprüft wurde. Von acht Kindern überlebten nur drei. Das Paar ließ sich in Bristol nieder und lebte dort 22 Jahre. Auch nach der Hochzeit unternahm Charles zahlreiche Evangelisationsreisen, zeitweise begleitet von Sarah. Ab etwa 1756 reduzierte er seine Reisetätigkeit deutlich und widmete sich mehr der Pflege der Methodistengesellschaften in Bristol und London. 1771 verlegte er seinen Mittelpunkt endgültig nach London.
„Der Psalmist des Methodismus“ – ein Liederdichter für die Gemeinde
Die größte Gabe, die Gott Charles Wesley für die Gemeinde anvertraute, war nicht seine Predigt, sondern sein Lied. Schätzungen zufolge stammen etwa 7.270 Hymnen und geistliche Gedichte aus seiner Feder – eine Fülle, die ihn zu einem der fruchtbarsten Liederdichter der Christenheit macht. Viele seiner Lieder werden bis heute in unterschiedlichen Konfessionen gesungen.
Kennzeichnend für seine Hymnen sind:
- Biblische Tiefe: Zahlreiche Lieder entfalten in poetischer Form zentrale Lehren der Schrift. So greift etwa eine Strophe von „Hark! the herald angels sing“ das Bild vom „Samen der Frau“ auf und verbindet es mit dem Sieg über die Schlange und der Erneuerung des Menschen nach dem Bild Christi.
- Christuszentriertheit: Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene, als gegenwärtige Liebe und als König der Könige steht im Mittelpunkt.
- Erfahrungsnahe Sprache: Die Lieder bringen innere Kämpfe, Buße, Freude über Vergebung, Sehnsucht nach Heiligung und tiefe Anbetung in Worte, die Herzen auch Jahrhunderte später ansprechen.
Einige seiner bekanntesten Hymnen – vielfach ins Deutsche übertragen oder in anderen Sprachräumen verbreitet – sind:
- „Hark! the herald angels sing“ (1738), ein Weihnachtslied, das den Sohn Gottes als „Verlangen der Nationen“ besingt und den Heilsplan von der Verheißung bis zur Erneuerung des Menschen nachzeichnet.
- „And can it be that I should gain“ (1738), entstanden unmittelbar nach seiner Bekehrung in London – eine staunende Betrachtung der Gnade Gottes gegenüber einem Sünder.
- „O for a thousand tongues to sing“ (1739), geschrieben zum Jahrestag seiner Bekehrung, inspiriert von einem Wort Peter Böhlers, der gesagt haben soll, wenn er tausend Zungen hätte, würde er Christus mit allen loben.
- „Jesus, lover of my soul“ (1740), ein inniges Gebet eines bedrängten Herzens, das in Christus allein Zuflucht findet.
- „Rejoice, the Lord is King“, „Love Divine, all love excelling“, „Soldiers of Christ, arise“ und viele andere, die bis heute in Gesangbüchern stehen.
Zeitgenossen haben beobachtet, dass die Lieder Charles Wesleys wie „Predigten in Versform“ wirken: Sie erklären die Wahrheit und führen zugleich zum Lobpreis. In ihnen verbinden sich Lehre und Erfahrung.
Bemerkenswert ist auch, wie sehr Charles seine eigene Geschichte in seine Lieder einfließen ließ. Als er am 23. Mai 1738 seine Bekehrung besang, notierte er in sein Tagebuch, er sei zunächst versucht gewesen, aus „Demut“ zu schweigen, habe aber erkannt, dass der Widersacher ihn so davon abhalten wolle, Gott die Ehre zu geben. So wurde sein Singen zu einem bewussten Zeugnis dessen, „was Gott an seiner Seele getan hatte“.
Letzte Jahre und Heimgang
In den späteren Jahren konzentrierte sich Charles vor allem auf die Betreuung der Methodistengesellschaften in London. Anders als John blieb er stärker innerhalb der anglikanischen Kirche verankert und war weniger bereit, einen offenen Bruch zu vollziehen. Dennoch trug er durch seine Seelsorge, seine Predigt und vor allem durch seine Hymnen wesentlich zur inneren Gestalt des Methodismus bei.
Einige Tage vor seinem Tod – körperlich geschwächt und hochbetagt – diktierte er seiner Frau seine letzten Verse. Sie fassen sein Leben in schlichter, demütiger Weise zusammen:
In hohem Alter und äußerster Schwachheit: Wer wird einen hilflosen Wurm erlösen? Jesus, Du bist meine einzige Hoffnung, Stärke meines versagenden Fleisches und Herzens; Könnte ich nur einen Blick von Dir erhaschen Und hinübersinken in die Ewigkeit!
Seine letzten überlieferten Worte waren: „Herr – mein Herz – mein Gott.“ Am Samstag, den 29. März 1788, starb Charles Wesley im Alter von 80 Jahren. Er hatte den Herrn erreicht, den er sein Leben lang besungen hatte.
Geistliche Bedeutung in der Zeit der Herrnhuter und Methodisten
Charles Wesley steht in einer Reihe mit anderen Gestalten des 18. Jahrhunderts, die Gott nach damaligem Verständnis gebrauchte, um eine müde Christenheit neu zu beleben. Die Begegnung mit den Brüdern aus Herrnhut prägte sowohl seine persönliche Glaubensgewissheit als auch sein Verständnis von Gemeinschaft und Lied. Die Moravianer hatten gezeigt, wie kraftvoll schlichte, herzliche Lieder sein können. Charles griff diese Linie auf und führte sie in der entstehenden methodistischen Bewegung weiter.
Während John Strukturen schuf – Gesellschaften, Klassen, Banden –, gab Charles dieser Bewegung eine Stimme. In den Klassenversammlungen, bei offenen Feldpredigten und in den Häusern der Gläubigen wurden seine Lieder gesungen. Sie halfen den Menschen, das Evangelium nicht nur zu hören, sondern zu beten und zu loben, zu bekennen und zu hoffen.
So wurde Charles Wesley gewissermaßen zum Psalmisten des Methodismus. Seine Hymnen lehrten die Gemeinde zu glauben, sich zu freuen, zu kämpfen, zu leiden und zu hoffen. In einer Zeit großer geistlicher Umbrüche und vieler sozialer Spannungen wurden einem körperlich eher schwachen, sensiblen Mann Worte geschenkt, die bis heute vielen Christen Trost und Orientierung geben.