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Die Reformation in England und Schottland: Ausbreitung und neue Prägungen

10 Min. Lesezeit

Ein neues Kapitel der Reformation auf den Inseln

Die Reformation griff nicht überall in Europa gleichförmig um sich. In Deutschland stand stark die Rechtfertigung aus Glauben und die Auseinandersetzung mit römischer Lehre im Vordergrund, in der Schweiz die Ordnung von Gemeinde und Gesellschaft. In England und Schottland aber kam ein weiterer Faktor hinzu: die enge Verflechtung von Krone, kirchlicher Ordnung und nationaler Identität.

Auf den britischen Inseln entstand aus diesen Spannungen eine eigene Prägung der Reformation. Sie war zugleich politisch und geistlich, von menschlichen Motiven getrübt und doch – aus Sicht vieler Gläubiger – von Gott gebraucht, um Sein Wort in neue Breite zu bringen.

William Tyndale: Das Wort Gottes für das Volk

Am Anfang der englischen Reformation steht nicht ein König, sondern ein Bibelübersetzer: William Tyndale. Er war Gelehrter, hervorragend ausgebildet in Oxford und Cambridge, und von früher Jugend an dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben. In den akademischen Kreisen begegnete er den Schriften Martin Luthers und kam mit der Rechtfertigung aus Glauben in Berührung.

Tyndale erkannte, dass die eigentliche Not des Volkes der Mangel an verständlicher Bibel war. Die einzige englische Übersetzung stammte noch aus der Zeit John Wycliffes und beruhte nicht auf den hebräischen und griechischen Urtexten, sondern auf der lateinischen Vulgata. Dazu war sie schwer zugänglich und in der Praxis verboten. Das einfache Volk blieb von der Quelle des Evangeliums weitgehend abgeschnitten.

Die Lage war ernst: Eine kirchliche Gesetzgebung aus dem frühen 15. Jahrhundert untersagte jede Bibelverwendung außerhalb des Lateins. Zur Zeit Tyndales waren Menschen verbrannt worden – sogar für so „gefährliche“ Taten, wie ihren Kindern das Vaterunser, die Zehn Gebote oder das Glaubensbekenntnis auf Englisch beizubringen. In dieser Atmosphäre reifte in Tyndale ein Entschluss, der ihn alles kosten würde.

Er hatte „aus Erfahrung erkannt, dass es unmöglich war, das einfache Volk in irgendeiner Wahrheit zu befestigen, wenn die Schrift nicht klar vor seinen Augen in der Muttersprache lag“. Also fasste er den Plan, das Neue Testament und später auch das Alte Testament aus den Ursprachen ins Englische zu übertragen. Die Bischöfe in England verweigerten ihm jede Unterstützung. So verließ er 1524 seine Heimat und reiste nach Deutschland, um im Exil zu arbeiten – ohne jemals zurückzukehren.

Unter Gefahren und mit vielen Verzögerungen erschien 1525 in Worms die erste vollständige Ausgabe des englischen Neuen Testaments. Schon ein Jahr später gelangte sie nach England und löste heftige Reaktionen aus. Die Obrigkeit ließ die Bücher öffentlich verbrennen. Der Bischof von London kaufte ganze Auflagen auf, um sie zu zerstören – und finanzierte durch diesen Kauf unwissentlich weitere Drucke, denn der Händler war ein Freund Tyndales und zahlte weit über den Herstellungskosten.

Tyndale übersetzte unermüdlich weiter: den Pentateuch aus dem Hebräischen (dessen erste Fassung er nach einem Schiffbruch neu erarbeiten musste), und dann große Teile des übrigen Alten Testaments. Schließlich wurde er 1535 in Antwerpen verraten, verhaftet und in eine Festung bei Brüssel gebracht. Nach längerem Gefängnis verurteilte man ihn als „Ketzer“, er wurde erwürgt und verbrannt.

Seine letzten Worte waren ein Gebet: der Herr möge „dem König von England die Augen öffnen“. In den folgenden Jahren verbreitete sich die englische Bibel schrittweise; spätere Übersetzungen wie die „Great Bible“ und schließlich die King-James-Bibel griffen in hohem Maß auf Tyndales Arbeit zurück. In der Forschung wird er daher häufig als „Vater der englischen Bibel“ bezeichnet. Mit der Bibel kam die Saat der Reformation in weite Teile des Landes.

Heinrich VIII.: Ein Bruch mit Rom ohne umfassende innere Erneuerung

Der nächste große Schritt der Reformation in England ging nicht von geistlichen Motiven aus, sondern von der Krone. Heinrich VIII. war zunächst ein überzeugter Katholik. Er verteidigte die sieben Sakramente gegen Luther und erhielt vom Papst dafür den Titel „Verteidiger des Glaubens“ – eine Bezeichnung, die bis heute auf britischen Münzen erscheint.

Sein Bruch mit Rom entzündete sich an einer persönlichen und dynastischen Frage: Heinrich hatte aus seiner Ehe mit Katharina von Aragon keinen männlichen Thronfolger. Er verliebte sich in Anne Boleyn und suchte die Auflösung seiner bestehenden Ehe. Weil der Papst, politisch von Katharinas mächtigem Neffen Karl V. abhängig, die Scheidung nicht billigte, wandte sich Heinrich von Rom ab.

Mit Hilfe des Theologen Thomas Cranmer ließ er die Ehe mit Katharina für ungültig erklären und heiratete Anne. Entscheidender aber war das, was politisch folgte: 1534 erklärte der „Act of Supremacy“ den König zum „Oberhaupt der Kirche von England“. Damit hatte sich England institutionell von Rom gelöst. Doch innerlich blieb vieles beim Alten.

Heinrich schloss und enteignete in den folgenden Jahren Hunderte von Klöstern, die als Bastionen päpstlichen Einflusses galten. Die enormen Besitztümer gingen teilweise in die Hand der Krone, teilweise an Adlige und wohlhabende Bürger, die sich damit fest an das neue System banden. Gleichzeitig ließ er eine große englische Bibel – die „Great Bible“ – herausgeben, die in den Kirchen auslag und anfangs dem Volk zugänglich war.

Aber Heinrichs Reformation war im Kern politisch geprägt. 1539 wurden durch die „Sechs Artikel“ zentrale römisch-katholische Lehren wie die Transsubstantiation, der Empfang des Abendmahls nur unter einer Gestalt durch Laien, der Zölibat der Priester und die Beichte erneut bestätigt. Die äußere Bindung an Rom war gekappt, die Lehre und die Frömmigkeit blieben weitgehend katholisch geprägt. So entstand eine kirchliche Form, die zwar national unabhängig war, aber geistlich noch keine umfassende Klärung gefunden hatte.

Heinrichs persönliches Leben war von schwerwiegenden moralischen Verfehlungen und Brutalität gezeichnet. Sechs Ehen, Affären, Scheidungen und Hinrichtungen – auch von Anne Boleyn – prägten sein Bild. Am Ende blieben nur drei Kinder, die noch eine Rolle in der Geschichte spielen sollten: Maria, Elisabeth und Eduard.

Elisabeth I.: Ein „Mittelweg“ mit weitreichenden Folgen

Mit Elisabeth I., die 1558 auf den Thron kam, beginnt eine neue Phase. Sie war erst 25 Jahre alt und stand zwischen den Fronten. Einerseits hatte sie persönliche katholische Neigungen, andererseits sah sie klar, dass eine Rückkehr unter die volle Herrschaft Roms England politisch schwächen würde. Ihre Lösung wurde der berühmte „englische Mittelweg“.

Durch einen neuen Act of Supremacy von 1559 wurde sie nicht mehr als „Oberhaupt“, sondern als „oberste Gouverneurin der Kirche in England“ bezeichnet – eine Formulierung, die Rücksicht auf solche Gewissen nehmen sollte, die Christus allein als Haupt der Gemeinde anerkennen wollten. Mit dem Act of Uniformity führte sie das zweite „Book of Common Prayer“ Eduards VI. wieder ein, das eine deutlich protestantische Färbung hatte, zugleich aber manche katholische Elemente beibehielt.

Das kirchliche Leben wurde stark geregelt: Wer an Sonn- und Feiertagen nicht zum Gottesdienst kam, musste Geldbußen zahlen – für einfache Leute eine schwere Belastung. 1563 wurden die ursprünglich 42 Glaubensartikel auf 39 reduziert; sie formten das theologische Profil der anglikanischen Kirche. Die 39 Artikel positionierten sich bewusst „mittig“ zwischen Luthertum und Calvinismus: deutlich protestantisch, aber ohne sich vollständig einer der kontinentalen Reformationsrichtungen anzuschließen.

Elisabeths Politik zog scharfen Widerstand Roms nach sich. 1570 exkommunizierte Papst Pius V. die Königin und sprach ihre Untertanen von der Treuepflicht los. Der Konflikt verschärfte sich, als Jesuiten – als päpstliche Gesandte und Vorkämpfer der Gegenreformation – nach England kamen, um den katholischen Glauben zu stärken und eine Rückkehr zur päpstlichen Oberhoheit vorzubereiten. Auf ihre Aktivitäten reagierte Elisabeth mit strengen Gesetzen; etwa 125 Jesuiten fanden in England den Tod. Diese Härte ist nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass aus Rom und Spanien konkrete Mord- und Umsturzpläne gegen die Königin unterstützt wurden.

Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war der Versuch, England militärisch für Rom zurückzugewinnen.

Die spanische Armada: Gott „blies mit Seinen Winden“

Philipp II. von Spanien, der kurzzeitig mit Elisabeths Schwester Maria verheiratet gewesen war, rüstete in engem Einvernehmen mit dem Papst eine große Flotte aus. Die „Armada“ – von den Spaniern stolz „die Unbesiegbare“ genannt – umfasste etwa 130 Schiffe mit rund 30.000 Mann, deutlich stärker als die englische Seemacht. Papst Sixtus V. bestätigte die Exkommunikation Elisabeths, löste ihre Untertanen vom Eid und sagte Spanien eine erhebliche Geldsumme zu, falls die Invasion erfolgreich sei.

Die Vorbereitungen wurden so geheim gehalten, dass selbst englische Spione lange Zeit kaum etwas ahnten. Noch wenige Wochen vor der Ausfahrt hielt einer von Elisabeths Ministern einen Angriff für unwahrscheinlich. Doch 1588 stach die Armada in See, um eine Invasion zu ermöglichen, die England wieder unter den Einfluss der römischen Kirche bringen sollte.

Die Kämpfe im Ärmelkanal und der Nordsee entwickelten sich jedoch anders als geplant. Die englischen Schiffe waren wendiger, ihre Taktik überlegen – und die Wetterlage wandte sich dramatisch. Gewaltige Stürme trafen die Armada. Schiffe wurden beschädigt, trieben auseinander, zerschellten an Felsen. Philipp II. soll seinem Admiral gesagt haben, er habe ihn „gegen Menschen, nicht gegen die Winde“ geschickt. Auf Gedenkmedaillen in England und an einem Denkmal in Plymouth ließ man eine Deutung prägen, die viele gläubige Menschen teilten:

Gott blies mit Seinen Winden, und sie wurden zerstreut.

Von den ursprünglich etwa 30.000 Mann kehrten nach zeitgenössischen Schätzungen deutlich weniger als die Hälfte nach Spanien zurück. Ein großer Teil der 130 Schiffe ging verloren; die versprochene päpstliche Geldhilfe blieb aus. Mit diesem Ereignis begann der Niedergang der spanischen Vormachtstellung zur See, während der Aufstieg Englands und später Großbritanniens deutlich an Fahrt gewann.

In der Rückschau sehen viele Christen hierin mehr als eine politische Wende. Die Verhinderung einer erfolgreichen Invasion sicherte, dass die protestantisch geprägte Entwicklung Englands nicht leicht rückgängig gemacht werden konnte. In den folgenden Jahrhunderten wurde das relativ kleine Inselreich zu einer globalen Seemacht, und aus ihm gingen zahlreiche Bibelgesellschaften, Missionswerke und geistliche Lehrer hervor. Durch englische Sprache und britische Missionare verbreitete sich das Evangelium in bisher unerreichte Regionen. Menschliche Ambitionen und Machtpolitik blieben darin sichtbar, doch viele gläubige Beobachter verstehen dieses Ringen so, dass Gott es gebrauchte, damit Sein Wort sich weit ausbreiten konnte.

Neue Prägungen von Gemeinde und Glauben

Die Reformation in England und – in enger Wechselwirkung – in Schottland führte zu neuen Gestalten von Gemeinde und Frömmigkeit. In England entstand eine nationale Kirche mit dem „Mittelweg“ zwischen Rom und Genf: liturgisch geordnet, bischöflich strukturiert, aber mit einer offiziellen Lehre, die sich zur Rechtfertigung aus Glauben und zur Autorität der Schrift bekannte.

In Schottland, wo die Einflüsse des Schweizer und besonders des Genfer Protestantismus stärker waren, entwickelte sich eine stärker presbyterianisch geprägte Ordnung, in der Älteste und Synoden eine größere Rolle spielten. Beide Länder kamen damit auf je eigene Weise zu einem Bruch mit Rom, aber die Konsequenzen für Gemeindeleben, Gottesdienstform und persönliche Frömmigkeit unterschieden sich deutlich.

Gleichzeitig legte die englische Reformation mit Tyndales Übersetzung und der offiziellen Duldung (und zeitweisen Förderung) der englischen Bibel den Grundstein für eine weit verbreitete Bibelfrömmigkeit. Dass später Puritaner, Erweckungsbewegungen und Missionare von der Schrift geprägt waren, hängt eng damit zusammen, dass Männer wie Tyndale ihr Leben dafür einsetzten, dass ein einfacher Pflugjunge die Schrift verstehen konnte.

So zeigt die Reformation in England und Schottland hell und dunkel zugleich: menschliche Machtspiele, halbe Reformen, Kompromisse – und doch die kontinuierliche Bewegung Gottes, Sein Wort in die Muttersprache des Volkes zu bringen, Seine Gemeinde zu reinigen und die Botschaft von Jesus Christus bis an die Enden der Erde zu tragen.

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