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Papsttum und kirchliche Macht: Aufstieg und Verdunkelung

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Papsttum und kirchliche Macht: Aufstieg und Verdunkelung

Papsttum und kirchliche Macht: Aufstieg und Verdunkelung. Bildquelle: Wikimedia Commons.

Ein anderer Anfang als in der Apostelgeschichte

Wenn wir den Weg der Gemeinde im Neuen Testament betrachten, dann sehen wir eine schlichte, aber kraftvolle Wirklichkeit: Älteste in den Orten, dienende Apostel, ein Haupt in den Himmeln – Christus. Im Laufe des Mittelalters tritt daneben eine andere Gestalt von „Kirche“ hervor: eine hierarchische Institution, an deren Spitze ein Mann steht, der nicht nur geistliche, sondern zunehmend auch weltliche Macht für sich beansprucht – der Papst.

Mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476 veränderte sich das Machtgefüge Europas grundlegend. Die politische Ordnung zerbrach, neue Völker drangen ein, Könige kamen und gingen. Inmitten dieser Unsicherheit trat die römische Kirche mit ihrem Bischof in Rom als stabiler Faktor hervor. Aus diesem historischen Boden erwuchs der Aufstieg des Papsttums – und mit ihm eine Verdunkelung des ursprünglichen Zeugnisses der Gemeinde.

Vom Bischof von Rom zum „Vater“ der Christenheit

Der Titel „Papst“ geht auf das lateinische papa, „Vater“, zurück. Schon früh betrachteten sich die Bischöfe von Rom als besondere Nachfolger des Apostels Petrus. Mit der Zeit wurde aus dieser Ehrenstellung ein Anspruch auf universale Leitung der gesamten Kirche.

  • Bereits 440 formulierte Leo I. einen offiziellen Anspruch auf apostolische Sukzession: Er verstand das Amt des Bischofs von Rom als Fortsetzung des Dienstes des Petrus.
  • 607 erreichte Bonifatius III., dass der Kaiser ihm den Titel eines „universalen Bischofs“ verlieh – ein Schritt, der den Vorrang Roms institutionell festschrieb.

Als das politische Zentrum des Westens zerfiel, blieb Rom – trotz eigener Schwäche – als religiöses Zentrum bestehen. Die Bischöfe von Rom nutzten diese Situation, um ihre eigene Autorität auszubauen. Der Patriarch von Rom wurde zum „Papst von Rom“, mit dem Anspruch höchster Autorität über die gesamte Kirche. Der Gedanke, dass ein Mensch über alle anderen Bischöfe und Gemeinden herrschen sollte, war dem Neuen Testament fremd – im Mittelalter aber wurde er zur Selbstverständlichkeit.

Die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes – dass er unter bestimmten Bedingungen in Glaubensfragen unfehlbar lehre – wurde zwar erst 1870 feierlich definiert, doch der mentalitätsmäßige Boden dafür war in Jahrhunderten des Machtaufbaus bereitet worden.

Gregor der Große: Hirte, Staatsmann und Beginn einer Epoche

Mit Gregor I. (590–604) betritt eine Schlüsselgestalt die Bühne. Mit ihm wird in der Kirchengeschichtsschreibung oft der eigentliche Beginn der mittelalterlichen römischen Kirche markiert.

Gregor entstammte einer wohlhabenden römischen Familie, war juristisch gebildet und diente zunächst als Stadtpräfekt von Rom. Später wurde er Mönch, und 590 zum Papst gewählt – in einer Zeit, in der die Macht des Weströmischen Reiches längst zusammengebrochen war. Die weltliche Verwaltung war schwach, barbarische Stämme drangen ein. Genau hier trat der Papst als faktischer politischer Führer auf: Er organisierte Verteidigung, Versorgung und Diplomatie, wo weltliche Herrscher versagten oder abwesend waren.

So wuchs der Papst in eine Rolle hinein, die geistliche und politische Verantwortung vereinte. Für viele Menschen dieser Zeit war dies ein Segen, weil sie Schutz und Ordnung erfuhren. Zugleich aber verschob sich unmerklich das Bild von Leitung im Volk Gottes: Aus einem dienenden Ältestenamt wurde eine herrschende Oberhoheit.

Gregor war zudem ein Mann mit missionarischem Herzen. Berühmt ist seine Begegnung mit englischen Sklaven auf einem Markt in Rom. Als er hörte, es seien „Angles“, soll er geantwortet haben, es seien nicht „Angles“, sondern „Engel“. Kurz darauf, 596, sandte er den Mönch Augustinus mit einem Zug von Missionaren nach England. 597 erreichten sie britischen Boden. Hier begegnen wir einem hellen Strahl inmitten der sich verdichtenden Wolken: Das Evangelium erreichte neue Völker, wenn auch gebunden an die römische Form von Kirche.

Gleichzeitig steht Gregor auch für eine theologische Entwicklung, die das Bild Gottes verdunkelte. Er erhob die Vorstellung eines Reinigungsortes nach dem Tod – das Fegefeuer – endgültig von einer Meinung zur verbindlichen Lehre. Dadurch wurde die Gewissheit der vollkommenen Erlösung in Christus verdunkelt, und an ihre Stelle trat häufig eine religiöse Angst, die durch kirchliche Leistungen und Übungen gemildert werden sollte.

Wachsende Unwissenheit und abnehmendes Licht

Im frühen Mittelalter nahm die biblische Bildung stark ab. Die Quelle beschreibt, wie in der beginnenden Zeit des 7. Jahrhunderts die Unwissenheit des Klerus und der Aberglaube des Volkes alarmierende Ausmaße annahmen. Die Bibel wurde kaum noch gelesen, Hebräisch und Griechisch gerieten in Vergessenheit, viele Geistliche konnten nicht einmal ihren eigenen Namen schreiben.

Damit verlor die Gemeinde zunehmend den Maßstab, mit dem sie Lehre und Praxis hätte prüfen können. Wo die Schrift nicht mehr klingt, gewinnen Tradition und menschliche Autorität ein Übergewicht, das kaum korrigiert werden kann. In diesem Klima konnte das Papsttum seine Ansprüche weiter steigern. Die Frage, ob ein Lehrsatz mit der Bibel übereinstimmt, trat hinter die Frage zurück, ob er von einem Papst oder Konzil gebilligt sei.

Parallel dazu trat eine neue religiöse Macht auf die Weltbühne: der Islam. Er gewann auch Anhänger unter Christen, die – aus Abwehr heidnischer Bilderverehrung – als Bilderstürmer (Ikonoklasten) galten. Dass Christen sich einer neuen Religion zuwandten, zeigt, wie tief die Verwirrung reichte, wenn die biblische Wahrheit nicht mehr klar gelehrt wurde.

Dunkelheit auf dem Stuhl Petri

Die Zeit der sogenannten „dunklen Jahrhunderte“ ist auch durch moralische Verwerfungen im Papsttum gekennzeichnet. Der Anspruch, Stellvertreter Christi zu sein, stand in drastischem Gegensatz zu dem Lebenswandel mancher Päpste.

So berichtet die Überlieferung von einer „Papst Johanna“, einer Frau, die ihr Geschlecht verbarg, sich als Gelehrter ausgab und unter dem Namen „Johannes VIII.“ Papst geworden sein soll. In einer Prozession kam es angeblich zur Geburt eines Kindes, worauf sie von der Menge gesteinigt wurde. Historiker diskutieren die Glaubwürdigkeit dieser Erzählung; unbestritten ist aber: Die Zeit war geprägt von Intrigen, moralischen Verfehlungen und einem erschreckend niedrigen geistlichen Niveau auf dem Stuhl Petri.

Andere Päpste sind historisch besser greifbar und zeigen ein ähnliches Bild:

  • Johannes XII. (955–963) soll dem Teufel zugeprostet, heidnische Götter angerufen und bei Würfelspielen Dämonen angerufen haben.
  • Bonifatius VII. (ab 974) brachte seinem Vorgänger durch Strangulation den Tod.
  • Alexander VI. (1492–1503) hatte mehrere uneheliche Kinder und nutzte das Papstamt, um ihre weltliche Stellung zu fördern.

Einmal war sogar ein achtzehnjähriger, unzüchtiger junger Mann Papst. Herrschsucht, Sinnlichkeit und Gewalt bestimmten immer wieder das Bild. Das Papsttum, das die Rolle eines geistlichen Vaters beanspruchte, ließ oft eher die Züge eines machtpolitischen Fürstentums erkennen.

Selbst in der offiziellen Papstliste gibt es Merkwürdigkeiten: In der Reihe der Papstporträts in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom finden sich mindestens drei Personen, die später als „nie existent“ markiert wurden. Das zeigt, wie sehr der Anspruch auf eine lückenlose, ungebrochene Linie auch mit späteren Korrekturen und Unsicherheiten zu tun hat.

Der Gipfel der Macht: Unschuld und Inquisition

Im 13. Jahrhundert erreichte das Papsttum den Höhepunkt seiner politischen Macht. In der Zeit von Innozenz III. (1198–1216) „lagen Kirche und Welt dem Papsttum zu Füßen“, wie es die Quelle zusammenfasst.

Ein markantes Beispiel ist der Konflikt mit König Johann von England. Es ging um die Ernennung des Erzbischofs von Canterbury. Der Papst setzte Stephan Langton durch, der König widersetzte sich. Innozenz exkommunizierte den König, belegte England mit einem Interdikt (Gottesdienstverbot) und bot den englischen Thron dem König von Frankreich an. Unter diesem Druck unterwarf sich Johann 1213: Er übergab sein Königreich formell dem Papst und erhielt es als dessen Lehen zurück – gegen jährliche Zahlung von 1000 Mark. Bis 1320 wurde dieser Tribut, wenn auch unregelmäßig, gezahlt.

Auf dem Vierten Laterankonzil 1215 in Rom formulierte Innozenz III. seinen Anspruch klar: Kein Fürst habe das Recht zu herrschen, wenn er nicht Petrus – das heißt dem Papsttum – in voller Unterordnung diene. Gleichzeitig wurde auf diesem Konzil die Lehre von der Transsubstantiation offiziell festgeschrieben: Brot und Wein der Eucharistie würden in das wirkliche Fleisch und Blut Christi verwandelt. Damit wurde die Feier des Abendmahls endgültig zu einem Kultgeschehen, das allein in der Hand der Priester lag und das Verständnis der einmaligen Opferhingabe Christi verdunkelte.

In denselben Jahrhunderten formierte sich ein weiteres Instrument päpstlicher Macht: die Inquisition. Der spanische Mönch Dominikus trat als eifriger Verfolger von Christen in Südfrankreich hervor, die von der römischen Lehre abwichen. 1229 erkannte das Konzil von Toulouse den Nutzen eines ständigen Tribunals zur Aufspürung von „Irrlehrern“ an und machte die Inquisition zur dauerhaften Einrichtung.

Die Inquisitoren erhielten weitgehende Vollmachten:

  • Sie durften Häuser und Gebäude durchsuchen,
  • Menschen verhören und Folter anwenden,
  • Urteile bis hin zur Todesstrafe vorbereiten.

Besonders erschütternd: Das Lesen der Bibel wurde öffentlich verboten, der Besitz der Schrift konnte als Kapitalverbrechen gelten. Wo Gott Sein Wort gegeben hatte, um Menschen in die Freiheit der Wahrheit zu führen, wurde nun gerade dieses Wort als Gefahr behandelt. Die Gemeinde lebte zunehmend von Tradition, Angst und äußeren Zwängen – nicht von der unmittelbaren Stimme des Herrn in Seiner Schrift.

Gefangenschaft in Avignon und beginnender Zerfall

Nach dem Höhepunkt der Macht folgte eine Phase des sichtbaren Niedergangs. Ein Symbol dafür ist die sogenannte „babylonische Gefangenschaft“ des Papsttums in Avignon.

1309 verlegte Clemens V. (1305–1313), der stark von König Philipp von Frankreich abhängig war, seinen Sitz nach Avignon an der Rhone. Von 1309 bis 1377 residierten die Päpste überwiegend dort, also mehr als 70 Jahre außerhalb Roms, faktisch unter der Vorherrschaft der französischen Krone. Das Papsttum, das den Anspruch hatte, über allen Königen zu stehen, war nun selbst in nationalpolitische Interessen verstrickt.

Noch schwerer wog, was bald darauf folgte: die große Kirchenspaltung mit zwei (zeitweise sogar drei) rivalisierenden Päpsten, die sich gegenseitig verfluchten. Damit trat offen hervor, dass das System der ungeteilten, absolut gesetzten päpstlichen Autorität innerlich zerbrochen war. Die Frage, wer der wahre Papst sei, war nicht mehr klar zu beantworten – damit wurde unausweichlich, auch grundsätzliche Fragen nach dem Wesen von Kirche und Leitung neu zu stellen.

Lichtblicke im Schatten

Trotz aller Finsternis blieb Christus der Herr der Gemeinde. Er gebrauchte auch in dieser Zeit Menschen, die nach der Wahrheit dürsteten, die die Schrift suchten und Missstände anprangerten. Die Quelle deutet bereits an, dass die große Auseinandersetzung zwischen Papsttum und einer sich anbahnenden Reformation sich zuspitzte und sich „kurz vor der Entscheidung“ befand: zwischen Glauben und Falschheit, zwischen menschlicher Machtausübung und der Rückkehr zum Evangelium der Gnade.

Der Mittelweg durch diese Geschichte besteht nicht darin, das Papsttum nur zu verurteilen oder nur zu verteidigen. Historisch verantwortungsvoll und geistlich nüchtern erkennen wir:

  • Es gab echte Dienste, in denen Menschen durch Papst und Kirche Hilfe, Schutz und die Verkündigung des Evangeliums empfingen.
  • Zugleich wuchs ein Machtgebilde heran, in dem menschliche Autorität, Tradition und politische Interessen oft den Platz einnahmen, der allein Christus und Seinem Wort zusteht.

Die Geschichte des mittelalterlichen Papsttums mahnt uns, dass die Gemeinde immer gefährdet ist, wenn sie sich von der unmittelbaren Herrschaft Christi entfernt – sei es durch äußere Verfolgung, sei es durch inneren Machtmissbrauch. Wo aber das Wort Gottes wieder aufgeschlagen wird, wo Christus als das Haupt der Gemeinde erkannt und geehrt wird, dort beginnt Er, Verdunkelung zu durchbrechen und Sein Volk zu erneuern.

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