Franz von Assisi (1181/1182-1226)
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Franz von Assisi (1181/1182-1226). Bildquelle: Wikimedia Commons.
Ein junger Kaufmannssohn im Umbruch
Franz von Assisi wird 1181 oder 1182 in der kleinen umbrischen Stadt Assisi geboren – als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers. Sein Elternhaus ist Teil der aufstrebenden Stadtkultur Italiens: Handel, Geld und Ansehen spielen eine große Rolle. Franz wächst in Wohlstand auf, genießt das Leben und gilt als lebenslustig, ja ausgelassen. Er liebt Feste, schöne Kleidung und die Bewunderung seiner Freunde.
In dieser frühen Phase scheint sein Lebensweg vorgezeichnet: Er könnte ein erfolgreicher Kaufmann werden, vielleicht sogar politisch Einfluss gewinnen. Doch wie so oft in der Geschichte Gottes mit Menschen kommt ein Bruch, der alles verändert.
Franz beteiligt sich als junger Mann an militärischen Unternehmungen seiner Stadt. In einem Krieg gerät er in Gefangenschaft. Die Erfahrung von Gefangenschaft, Leid und Entbehrung bricht sichtbar den unbeschwerten Leichtsinn seines bisherigen Lebens. Nach seiner Freilassung wird er schwer krank. Körperlich geschwächt, innerlich erschüttert, wird er unzufrieden mit sich selbst und mit der Welt, deren Glanz er bisher so leidenschaftlich gesucht hatte.
Noch einmal versucht er, in die alte Bahn zurückzukehren: Er lässt sich erneut für einen Feldzug anwerben. Doch auf dem Weg zum Krieg kehrt er um. Statt Ruhm und Beute sucht er die Einsamkeit. Ein innerer Umkehrprozess beginnt.
Bekehrung durch das Elend der Welt
Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg ist eine Pilgerreise nach Rom. Dort erlebt Franz nicht nur die Pracht der Kirchen, sondern vor allem das Elend der Armen und Ausgestoßenen. Besonders groß ist seine Abneigung gegen Leprakranke – eine Abneigung, wie sie damals weit verbreitet ist. Gerade hier berührt ihn Gott.
Franz zwingt sich, seine innere Abwehr zu überwinden. Er nähert sich einem Leprakranken und begrüßt ihn mit einem Kuss. Diese Geste, die ihn alles kostet, wird zu einem geistlichen Wendepunkt: Aus dem jungen Mann, der bisher Schönheit und Vergnügen suchte, wird einer, der Christus im Geringsten erkennt. Die Worte Jesu aus Matthäus 25 – was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr Mir getan – gewinnen in seinem Leben konkrete Gestalt.
Zurück in Assisi, sucht Franz vermehrt die Stille und das Gebet. In verfallenen Kapellen in der Umgebung verbringt er Zeit im Nachdenken und Ringen mit Gott. In dieser Phase hört er nach der Überlieferung eine Stimme, die ihn auffordert, zerstörte Kirchengebäude zu reparieren. Er nimmt diese Ansprache sehr wörtlich: Er beginnt, baufällige Kirchen in der Umgebung zu erneuern.
Um Baumaterial zu beschaffen, verkauft er sein Pferd und sogar Stoffe aus dem Lager seines Vaters. Was für Franz ein Werk des Glaubens ist, empfindet sein Vater als schweren Angriff auf Besitz und Ehre der Familie. Der Konflikt eskaliert.
Ein radikaler Bruch: „Gott allein ist mein Vater“
Der Vater verklagt seinen Sohn vor dem örtlichen Bischof. Franz soll alles zurückgeben, was er seinem Vater schuldet. Die Szene, von der viele Berichte erzählen, markiert einen der dramatischsten Momente in seinem Leben: Franz entkleidet sich in der Öffentlichkeit, gibt seinem Vater alles zurück, sogar seine Kleidung, und erklärt von nun an Gott allein zu seinem Vater.
Mit diesem Schritt wendet er sich demonstrativ vom Reichtum und Schutz der Familie ab. Er verzichtet auf Erbe, Sicherheiten und soziale Stellung. Äußerlich ist das ein Akt radikaler Armut. Innerlich ist es eine bewusste Entscheidung, Christus nachzufolgen – mit nichts in der Hand als dem Vertrauen auf Gott.
Von nun an lebt Franz bewusst in äußerster Einfachheit. Er gibt sich mit den geringsten Notwendigkeiten zufrieden, arbeitet praktisch an der Instandsetzung verfallener Kirchen und wendet sich den Menschen zu, die am Rand der Gesellschaft stehen – Armen, Kranken, Ausgestoßenen. In ihnen erkennt er das Angesicht des leidenden Christus.
Dieser Lebensstil ist nicht nur persönliche Frömmigkeit. Er ist auch eine stille, aber scharfe Kritik an der Lage der Kirche des 12. und frühen 13. Jahrhunderts: Viele Klöster sind reich geworden; weltliche Macht, Besitz und Einfluss haben zunehmend das geistliche Leben überlagert. Während Teile der Kirche im Wohlstand leben, verkörpert Franz ein Gegenbild: freiwillige Armut, Demut und Barmherzigkeit.
Die Geburt eines neuen Ordens
Im Jahr 1209 entsteht aus dem persönlichen Weg des Franz eine Bewegung, die bald die ganze Kirche prägen wird: der Orden der Minderen Brüder, die Franziskaner. Diese Gemeinschaft gehört zu einer neuen Form des geistlichen Lebens im Mittelalter: den Bettelorden.
Im Unterschied zu vielen bisherigen Mönchsorden leben die Brüder nicht abgeschieden hinter Klostermauern. Die traditionelle Figur des Mönchs ist an das Leben im Kloster gebunden, mit klaren Mauern, festen Gütern und wirtschaftlicher Basis. Die Franziskaner hingegen sind „Brüder“, die hinausgehen zu den Menschen – in Städte und Dörfer, auf Straßen und Plätze.
Sie legen das Gelübde ab, keinen Besitz zu haben – weder persönlich noch als Gemeinschaft. Sie arbeiten für ihren Lebensunterhalt oder sind, wo das nicht möglich ist, auf das angewiesen, was man ihnen schenkt. In der Sprache der Zeit sind sie „Mendikanten“, Bettelbrüder. Sie sollen gerade nicht durch Landbesitz und Reichtum gesichert sein, sondern durch das tägliche Vertrauen auf Gottes Fürsorge.
Dieser neue Lebensstil ist eine prophetische Antwort auf die Verwältlichung der Kirche. Während in vielen Klöstern Reichtum und Macht zunehmen, erinnern Franz und seine Brüder – allein durch ihre Existenz – an die Armut Jesu und der ersten Jünger.
Predigt im Freien und Liebe zur Schöpfung
Die Franziskaner bewegen sich dort, wo das Leben pulsiert: in den Straßen der Städte, auf Marktplätzen, bei den einfachen Menschen. Sie predigen Buße, Frieden und Versöhnung. Ihr Lebensstil unterstreicht ihre Botschaft: Wenn einer, der alles hätte haben können, freiwillig arm wird, dann wird die Nachfolge Jesu sichtbar und glaubwürdig.
Franz ist bekannt für seine tiefe Liebe zur Schöpfung. Die Tradition berichtet, er habe zu Vögeln und anderen Tieren gepredigt. Einmal soll er zu seinen Gefährten gesagt haben: „Wartet hier auf mich, ich gehe zu unseren Schwestern, den Vögeln, predigen.“ Solche Berichte drücken ein geistliches Empfinden aus, das weit über romantische Naturverbundenheit hinausgeht: Franz sieht die ganze Schöpfung als Lob Gottes. In einer Zeit, in der oft hart mit der Natur umgegangen wird, erinnert seine Haltung daran, dass alles Geschaffene aus Gottes Hand kommt.
Seine Wertschätzung der Schöpfung steht in enger Verbindung zur Demut und Armut, die er lebt: Wer sich selbst klein macht, sieht das Leben um sich herum mit anderen Augen. Die Welt ist nicht da, um ausgenutzt zu werden, sondern um gemeinsam mit ihr den Schöpfer zu ehren.
Geistliche Armut als Antwort auf eine reiche Kirche
Um den geistlichen Ort von Franz in der Kirchengeschichte zu verstehen, ist der Hintergrund entscheidend: Im 12. Jahrhundert geraten viele Klöster in eine Krise. Aus einfachen, geistlich ausgerichteten Gemeinschaften sind mächtige Institutionen geworden, die Besitz anhäufen. Wo Reichtum wächst, zieht oft auch Weltlichkeit ein. Berichte von Unmoral und Missbrauch geistlicher Ämter häufen sich.
Schon vor Franz gibt es Reformbewegungen. Einer der bedeutendsten Reformatoren ist Bernhard von Clairvaux, der mit dem Zisterzienserorden eine Rückkehr zu Einfachheit und Strenge anstrebt. Franz von Assisi steht in einer ähnlichen Linie, wählt aber einen anderen Weg: Nicht eine erneuerte Klosterstrenge hinter Mauern, sondern ein Leben in radikaler Armut mitten unter den Menschen.
Sein Orden ist Teil einer umfassenden Bewegung der „Brüder“ (Friars), die nicht in einem festen Kloster an einen Ort gebunden sind, sondern unterwegs sind. Zu diesen Bettelorden gehören später auch die Dominikaner. Beide Bewegungen stellen der reichen, sesshaften Kirche eine mobile, arme und predigende Kirche gegenüber.
In der Tradition der Gemeinde erinnert Franz an die radikale Jüngerschaft, die Jesus in den Evangelien beschreibt: das Aufgeben von Besitz, die Hinwendung zu den Armen, die Bereitschaft, mit Christus zu leiden. Auch wenn die Geschichte der Franziskaner später selbst Spannungen zwischen Ideal und Realität kennt, bleibt der Anfang geprägt von dieser klaren, gelebten Botschaft.
Ein Gebet, das ein Leben zusammenfasst
Mit Franz verbindet sich ein Gebet, das bis heute auf der ganzen Welt bekannt ist und oft unter seinem Namen überliefert wird. Es fasst in dichter Form zusammen, wofür sein Leben stand:
Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens: Wo Hass ist, lass mich Liebe säen, wo Verletzung ist, Vergebung, wo Zwietracht ist, Einheit, wo Zweifel ist, Glauben, wo Irrtum ist, Wahrheit, wo Verzweiflung ist, Hoffnung, wo Traurigkeit ist, Freude, wo Finsternis ist, Licht. O göttlicher Meister, gewähre mir, dass ich nicht so sehr suche, getröstet zu werden, als zu trösten, verstanden zu werden, als zu verstehen, geliebt zu werden, als zu lieben. Denn im Geben empfangen wir, im Verzeihen wird uns verziehen, und im Sterben werden wir zum ewigen Leben geboren.
Ob jeder Satz dieses Gebets historisch exakt auf Franz zurückgeht, lässt sich nicht sicher nachweisen. Inhaltlich aber spiegelt es seine Spiritualität: Frieden statt Gewalt, Vergebung statt Rache, Hingabe statt Selbstbehauptung. Es atmet den Geist der Bergpredigt und der Nachfolge, wie sie Franz mit seinem ganzen Leben darstellen wollte.
Bedeutung für die Gemeinde bis heute
Franz von Assisi steht in der Kirchengeschichte an einem Wendepunkt. Er ist kein Theologe im akademischen Sinn, kein großer Kirchenpolitiker, keine Gestalt der großen Lehrstreitigkeiten. Seine „Theologie“ ist gelebtes Evangelium. Gerade deshalb wirkt er bis heute.
In einer Zeit, in der die Kirche reich und mächtig ist, erinnert er daran, dass der Herr der Gemeinde als armer, leidender Diener gekommen ist. In einer Welt, in der Menschen ausgegrenzt werden, sucht er bewusst die Nähe der Geringsten. In einer Kultur, die von Besitz und Ansehen geprägt ist, lebt er vor, wie befreiend es sein kann, alles loszulassen und sich allein auf Gott zu verlassen.
Für die Gemeinde jeder Zeit stellt sein Leben Fragen:
- Wo hat sich unser Herz an Besitz, Status und Sicherheit gekettet?
- Wo haben wir die Armen, Kranken und Ausgestoßenen aus dem Blick verloren?
- Wo ist unsere Liebe zur ganzen Schöpfung erloschen?
- Wo ist unser Dienst mehr Selbstdarstellung als Hingabe?
Die Antwort auf diese Fragen wird für jede Zeit anders aussehen. Doch das Zeugnis von Franz bleibt: Ein Mensch, der sich von Christus ergreifen lässt, kann mitten in einer verweltlichten Kirche ein neues Kapitel der Nachfolge aufschlagen.
Franz von Assisi starb 1226, arm an Gütern, aber reich in der Wirkung. Seine Spur zieht sich durch die Jahrhunderte: als Mahnung zur Umkehr, als Ermutigung, klein zu werden, und als Einladung, das Evangelium nicht nur zu bekennen, sondern zu leben.