Athanasius der Große (ca. 295-373)

Athanasius der Große (ca. 295-373). Bildquelle: Wikimedia Commons.
Ein junger Ägypter mit großer Berufung
Athanasius wurde um 295 in Alexandria in Nordafrika geboren. Seine Eltern waren Christen, und er erhielt eine klassische Ausbildung. Alexandria war damals eine der wichtigsten Städte der antiken Welt: kulturell, philosophisch und auch für die Kirche. In diesem Umfeld wuchs Athanasius heran – gebildet, wach im Denken und tief von Christus ergriffen.
Der Bischof von Alexandria, Alexander, bemerkte die Ernsthaftigkeit und Begabung des jungen Mannes. Er nahm Athanasius in seinen Haushalt auf. Damit öffnete sich für ihn eine Welt: Er begegnete führenden Denkern seiner Zeit, lernte die theologischen Fragen der Gemeinde kennen und wurde zugleich geistlich geprägt.
Früh wurde Athanasius von der neuen Bewegung der Mönche angezogen. Er begegnete Antonius, einem der ersten bekannten Mönche, und war von seiner Hingabe an Christus tief beeindruckt. Später schrieb er eine Lebensbeschreibung über ihn, das „Leben des Antonius“. Dieses Werk wurde im ganzen Mittelmeerraum gelesen und prägte das Bild des Mönchtums weit über Ägypten hinaus.
Christus – wahrer Gott, wahrer Mensch
Noch in seinen Zwanzigern verfasste Athanasius ein Werk, das die Theologie bis heute beeinflusst: „Über die Menschwerdung des göttlichen Wortes“. Er rang darin um die Frage: Wer ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, wirklich? Seine Antwort ist klar: Das Logos, das göttliche Wort, muss wahrer Gott sein – sonst können wir nicht gerettet werden.
Bekannt geworden ist eines seiner kürzesten, aber größten Bekenntnisse:
Gott wurde Mensch, damit wir Menschen Gott werden.
Damit meinte Athanasius nicht, dass Menschen in die Gottheit selbst aufgenommen würden, sondern dass sie durch Christus Anteil an Gottes Leben und Natur bekommen. Er knüpfte damit an biblische Aussagen an, wie wenn Petrus von den Gläubigen sagt, dass sie „Anteil an der göttlichen Natur“ bekommen (2. Petrus 1:4). Für Athanasius war die Menschwerdung Christi kein Randthema, sondern das Herz des Evangeliums: Nur wenn der Sohn wirklich Gott ist und wirklich Mensch wurde, kann Er uns wirklich retten und in die Gemeinschaft mit Gott hineinziehen.
In dieser Linie steht auch seine Aussage:
Wie der Herr Mensch wurde, indem Er einen Leib annahm, so werden wir Menschen durch das Wort Gottes vergöttlicht.
und:
Er war also nicht zuerst Mensch und dann Gott, sondern zuerst Gott und dann Mensch, damit Er uns zu „Göttern“ machen könne.
Athanasius fasste damit die Rettung so: Der Sohn Gottes steigt zu uns herab, damit wir durch Ihn zu Gott erhoben werden – nicht in die Gottheit, aber in eine wirkliche, lebendige Teilhabe an Gottes Leben.
Diakon, Sekretär – und Zeuge von Nicäa
Im Jahr 319 wurde Athanasius Diakon. Er diente als Sekretär des Bischofs Alexander von Alexandria und begleitete ihn 325 zum Konzil von Nicäa. Die Auseinandersetzung, die dort ausgetragen wurde, gehört zu den dramatischsten der frühen Kirchengeschichte: Es ging um Arius, einen Presbyter aus Alexandria, der lehrte, der Sohn sei ein geschaffenes Wesen und nicht wahrer Gott.
Athanasius war noch keine 30 Jahre alt, als er auf dem Konzil eine wichtige Rolle spielte. Gemeinsam mit anderen trieb er die Formulierung des nicänischen Bekenntnisses voran. Dieses bekannte den Sohn als „wesensgleich“ mit dem Vater – wahrer Gott von wahrem Gott. Damit stellte sich die Kirche klar gegen den Arianismus.
Das nicänische Bekenntnis war für Athanasius keine bloße Lehrformel. Es war für ihn Ausdruck des Evangeliums selbst: Wenn Christus nicht wahrer Gott ist, kann Er uns nicht retten; wenn Er nicht wirklich Mensch geworden ist, kann Er uns nicht mit Gott versöhnen. Die Streitfrage war deshalb, in seinen Augen, eine Frage von Leben und Tod der Gemeinde.
Bischof von Alexandria – und unerschütterlicher Kämpfer
Im Jahr 328 wurde Athanasius zum Bischof von Alexandria gewählt. Dieses Amt behielt er – trotz allen Widerstands – bis zu seinem Tod 373. Doch seine Zeit als Bischof war geprägt von Kämpfen, Verleumdungen und wiederholten Verbannungen.
Der Arianismus verschwand nach Nicäa nicht; im Gegenteil, er gewann in den Jahrzehnten danach sogar noch einmal großen politischen Einfluss. Viele einflussreiche Bischöfe und auch Kaiser neigten der Lehre zu, dass der Sohn Gottes nicht wahrhaft Gott sei. Athanasius stellte sich dem beharrlich entgegen – und bezahlte einen hohen Preis.
Seine Gegner scheuten nicht vor üblen Anschuldigungen zurück. Sie unterstellten Athanasius sogar „Magie“ und Mord: Er habe den Bischof Arsenius getötet und dessen Hand für Zauberzwecke verwendet. Der Fall wurde vor Gericht verhandelt. Doch Athanasius war vorbereitet. Wie ein Chronist berichtet, ließ er den vermeintlich Ermordeten plötzlich in den Gerichtssaal führen – lebendig, mit beiden Händen:
Er bat zunächst, den Kopf des Mannes zu enthüllen; er wurde sofort als der angeblich ermordete Arsenius erkannt. Dann wurden seine Hände sichtbar gemacht – beide waren vorhanden. Die Bosheit der Gegner wurde entlarvt, und die Unschuld des Athanasius wurde triumphierend bestätigt.
Mit solchen und ähnlichen Machenschaften versuchten arianische Kreise, ihn zu stürzen. Athanasius wurde insgesamt fünfmal ins Exil geschickt, das erste Mal 336. Er verbrachte Jahre fern von seiner Stadt, oft auf der Flucht, manchmal im Verborgenen. Doch er gab den Kampf um das Bekenntnis zu Christus nicht auf.
„Athanasius contra mundum“
Später prägte sich für ihn das Wort „Athanasius contra mundum“ – Athanasius gegen die Welt. Ob er diesen Spruch selbst verwendet hat, ist zweitrangig; er beschreibt treffend die Situation: zeitweise stand er fast allein gegen einen kirchlichen und politischen Mainstream, der bereit war, den biblischen Christusbegriff zu verwässern.
Was hielt ihn in diesem Druck? Zum einen seine Überzeugung, dass die Schrift klar für die Göttlichkeit Christi zeugt: Der Sohn ist das „Wort“, das „bei Gott war“ und „Gott war“ (Johannes 1:1); Er ist der, in dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ (Kolosser 2:9). Zum anderen seine Sicht der Rettung: Wenn Gott in Christus nicht wirklich herabgestiegen ist, können wir nicht wirklich zu Ihm erhoben werden.
Für Athanasius war die Wahrheit über Christus kein theologisches Spezialinteresse, sondern Fundament des Glaubens. Der Glaubende ruft den Namen des Herrn an, weil dieser Herr wirklich der Sohn Gottes ist, „eins“ mit dem Vater (Johannes 10:30), und doch auch wirklich Mensch, der für uns gestorben und auferstanden ist.
Sieg nach seinem Tod
Athanasius erlebte zu Lebzeiten immer wieder Phasen der Rehabilitierung, aber der endgültige, klare Sieg über den Arianismus kam erst nach seinem Tod. Acht Jahre nach seinem Heimgang, auf dem Konzil von Konstantinopel 381, wurden die Entscheidungen von Nicäa bestätigt und alle, die den Arianismus vertraten, mit Verbannung bedroht. Damit war der Arianismus im Römischen Reich im Wesentlichen überwunden.
Man kann sagen: Der Weg zu diesem Sieg war menschlich gesehen in hohem Maße Athanasius zu verdanken. Seine Standhaftigkeit über Jahrzehnte, seine theologische Klarheit und seine Bereitschaft, Verfolgung zu ertragen, haben das Bekenntnis der Kirche geprägt.
Dass später ein bedeutendes Trinitätsbekenntnis seinen Namen trägt – das sogenannte „Athanasianische Glaubensbekenntnis“ –, zeigt, wie sehr man ihn als Schlüsselfigur der Lehre von der Dreieinigkeit und der Christologie verehrte. Historisch stammt dieses Bekenntnis wohl aus dem 5. Jahrhundert und wurde nicht von Athanasius selbst verfasst. Aber es ist verständlich, dass man ihm zugeschrieben hat, was so kraftvoll die Gottheit des Sohnes und die Dreieinigkeit Gottes bekennt.
Am Ende dieses Bekenntnisses steht der Satz:
Dies ist der katholische Glaube; wer ihn nicht treu und fest glaubt, kann nicht gerettet werden. Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, so ist und sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Hier klingt nach, was Athanasius sein Leben lang bewegt hat: Es geht um den Glauben der Gemeinde an den dreieinen Gott, um die Rettung in Christus, um die Anbetung Gottes im Licht Seiner Selbstoffenbarung.
Geistliche Bedeutung für heute
Was bedeutet Athanasius’ Zeugnis für unsere Zeit?
Erstens erinnert er uns daran, dass es im Glauben Grenzen gibt, die nicht verhandelbar sind. Wer ist Jesus Christus? Ist Er wahrer Gott und wahrer Mensch? Athanasius lässt uns spüren: Diese Fragen sind nicht akademisch. Wenn wir hier nachgeben, verlieren wir das Evangelium.
Zweitens macht seine Lehre über die Menschwerdung Mut, die Größe der Rettung neu zu bedenken. Gott ist in Christus wirklich Mensch geworden, hat in einem wirklichen Leib gelebt, gelitten und ist gestorben. So tief ist Er zu uns herabgestiegen, damit wir in Christus wirklich Anteil an Gottes Leben bekommen. Was Athanasius in seiner prägnanten Formulierung zusammenfasst – Gott wurde Mensch, damit wir Menschen Gott werden – ist letztlich die Freude darüber, dass Gott uns nicht nur vergibt, sondern uns in eine lebendige Gemeinschaft mit Sich Selbst hineinführt.
Drittens ermutigt uns sein Leben zur Treue. Athanasius’ Weg war nicht bequem, sondern voller Gegenwind, Verachtung und Bedrohung. Dennoch hielt er fest. Er vertraute darauf, dass der Herr der Gemeinde treu ist, auch wenn sich Mächte und Menschen gegen die Wahrheit stellen. Viele Christinnen und Christen, die heute wegen ihres Bekenntnisses leiden, finden sich in seinem Lebensweg wieder.
Vielleicht ist das eindrücklichste Vermächtnis von Athanasius die Verbindung von klarer Lehre und persönlicher Hingabe: Er war nicht nur ein scharfer Denker und mutiger Bischof, sondern auch ein Mann des Gebets, der von den Mönchen Ägyptens die Einfachheit und Radikalität der Nachfolge gelernt hatte. Kopf und Herz, Bekenntnis und Leben gehörten bei ihm untrennbar zusammen.